Schalter

Letzten Dienstag habe ich zufällig beim Putzen unter der Spüle einen Schalter gefunden. So einen zum Drehen wie eine alte Sicherung. Ich bin nicht der Typ, der ins Blaue hinein einfach irgendwelche Schalter betätigt, oft lassen sich einmal in Gang gesetzte Mechanismen nicht mehr stoppen und etwas geht unweigerlich kaputt. Eher aus Affekt hab ich ihn umgelegt.
Erstmal geschah gar nichts. Dann kam der Paketservice und brachte den neuen Brotkorb. Er war schön, ein Gefäß aus cremefarbenem Plastik mit einem Deckel aus Holz.
Dann bekam ich Hunger. Meine Fettucine essend sah ich durch die Glastür hinaus auf den Balkon, wo ein Spatz saß und fett aussah.

In den nächsten Tagen bemerkte ich verschiedene Dinge. Ich fühlte mich plötzlich besser als sonst. Ich konnte alles ganz klar sehen, den Staub auf dem Trottoir und die Maserung der hölzernen Stühle in der einen Kneipe, die ich nicht so gerne mag. Es gelang mir, einen Streit gegen Timo zu gewinnen. Das ist nicht leicht, weil sich Timo nur aus gutem Grund streitet und meistens ist er im Recht und er hat einen Punkt. Diesmal aber ich. Ich hab einen Text geschrieben über Gliederfüßler. Es waren viele gute Gags darin, zyklischer Aufbau, und am Ende was zum Schmunzeln, das finde ich ganz wichtig, dass man zum Schluss so einen versöhnlichen Ton hinbekommt. Panthergleich setzte ich meine Schritte, und bewundernde Blicke trafen mich seitens der coolen Kinder an der S-Bahn-Station, anerkennendes Nicken. Ich war relativ präzise auf einmal. Ich konnte ganz genau sagen was ich von Dingen halte, das kann ich sonst nicht so gut, meistens ist es nur so ein Gefühl oder ich muss erst ins Feuilleton gucken. Alles hat aus heiterm Himmel total intensiv geschmeckt und gerochen. Minutenlang schnüffelte ich an Gemüsen in Supermärkten wie ein buckeliger Gnom. Mein Essen hab ich nicht mehr salzen müssen, es war auch so lecker. Die Sammlung an scharfen Soßen warf ich weg, ich brauchte den Schmerz nicht mehr.

Aber naja, was soll ich sagen. Ich hab den Schalter irgendwann wieder umgelegt. Zuerst nur weil ich gucken wollte wie es vorher nochmal war. Dann hab ichs aber so gelassen. Ein paar Wochen später war der Schalter verschwunden. Ich weiß nicht. Es ist nicht so als könnte ich irgendwas ziehen aus der Mittelmäßigkeit. Trotzdem ist sie in Ordnung, denke ich. Aus der Dumpfheit Entstandenes strahlt heller, redet man sich zumindest ein. Das stimmt natürlich nicht. Klar, es war ein cooler Moment, als ich herumsaß auf meinem Sitzsack und auf einmal verstanden hatte, nur durch genaues und scharfes Nachdenken, warum der Kürbis so ein dummes Nahrungsmittel ist. Und alle, denen ich mein Ergebnis darlegte, sahen es augenblicklich ein. Das hab ich zum Beispiel schon wieder vergessen, was ich mir da gedacht hatte. Ich weiß wieder nur noch, dass ich Kürbis nicht mag und kann den Finger nicht mehr drauflegen. Vielleicht ist das besser, die Kürbissuppen, Kürbisnocken, Kürbisspalten, Kürbisbreis einfach freundlich abzulehnen, mit fester Stimme, ohne der Bedeutung hinterherzuhecheln. Ich mag es so. Und wenn nicht: Dann ist es jetzt zu spät.

Chronist der Enttäuschung I

Bei der Betrachtung des Algenconsommés beschlich mich das Gefühl, dass in diesem speziellen Fall weniger nicht mehr war. Hier war tatsächlich weniger weniger. Mehr wäre mehr mehr gewesen. Enttäuscht legte ich den Suppenlöffel zurück auf die Löffelserviette.

Die unsympathische Dönerverkäuferin

In meiner Straße gibt es einen kleinen Laden und dort gibt es Döner, Tabakwaren, Süßigkeiten, verschiedene Alkoholika und andere Dinge, die man um halb neun noch brauchen kann. Der Laden wird geführt von der unsympathischen Dönerverkäuferin und ihrem Mann. Der Mann der unsympathischen Dönerverkäuferin ist ein älterer Herr mit starkem, sächsischen Akzent, der jeden Tag einen anderen Trainingsanzug trägt. Mal einen blauen, mal einen grauen. Meistens steht er vor dem Laden und raucht eine Zigarette oder unterhält sich mit seinen Freunden. Wenn ich vorbeigehe, grüße ich ihn freundlich, aber er grüßt leider selten zurück. Ich finde das ziemlich schade, ich mag ihn nämlich eigentlich ganz gerne.
Wenn man bei der unsympathischen Dönerverkäuferin etwas kauft, auch wenn es ganz klein ist, dann kostet es meistens drei Euro. Es ist gar nicht mal so wichtig, was man kauft, oder wie viel. Einmal brauchte ich dringend eine Zwiebel. Ich war etwas in Panik, weil ich zwiebellos gewissermaßen aufgeschmissen gewesen wäre, die Supermärkte allerdings schon seit einer halben Stunde geschlossen hatten. Wortlos legte sie mir das Verlangte vor, blickte mir in die Augen und sagte mit fester Stimme: „Drei Euro“. Ich zog die Augenbrauen zusammen und schaute so kritisch wie ich nur konnte. „Die Zwiebel kostet drei Euro?“, fragte ich. Die Dönerverkäuferin sah mich voller Ekel und Verachtung an und dann sagte sie: „Ja.“ Und etwa drei Sekunden später nickte sie so energisch in die Stille hinein, dass ich begann, meine Taschen nach Kleingeld zu durchsuchen.
Ein anderes Mal kam ein Freund von mir in meine Wohnung gestürzt und warf vollkommen außer sich seinen Jutebeutel auf den Sitzsack, der mir als Kleiderständer dient. „Diese Frau“, rief er wutentbrannt aus, „diese Frau“. Er stürmte in die Küche, goß sich in ein Wasserglas etwas Schnaps und leerte es in einem Zug. Seine Atmung normalisierte sich. Immer noch sehr aufgeregt fuhr er fort: „Ich komm‘ in den Laden und hol mir ein Bier. Ich stell‘ das Bier auf den Ladentisch. Ich leg‘ das Geld dazu. Und sie schaut mich an und sagt: „Nein.“ „Wie, nein?“ „Na, nein. Einfach nein. Ich bin natürlich total verunsichert und so, denke ich hab’s falsch verstanden, und trau‘ mich aber nicht nachfragen. Ich nehm‘ also mein Bier und verlasse langsam den Laden, wie um zu testen wie sie reagieren wird, gewissermaßen rückwärts gehend.“ „Und?“ „Sie hat nur so geguckt, wie sie immer guckt, so … naja, herablassend.“

So war sie.

Im März 2007 habe ich dann den Studienplatz an der Technischen Uni Wismar bekommen. An meinem letzten Tag in Saarbrücken, ich saß zwischen gepackten Kisten und räumte die Dinge, für die es keinen festen Platz gibt, in einen letzten Karton, da dachte ich nochmal an die unsympathische Dönerverkäuferin. Kurz entschlossen verließ ich die Wohnung und schlenderte die Straße hinunter, zu ihrem kleinen Geschäft. Da stand sie hinter der Theke, wie ein grimmiger Räuber. Ich legte irgendeinen Gegenstand auf die Theke, ich weiß es nicht mehr genau, und sah sie sehr eindringlich an. Sie blickte zurück und sagte dann: „Drei Euro.“ In melancholischer Stimmung verließ ich den Laden.

Noch heute denke ich manchmal an sie, wenn ich irgendwo zuviel bezahle, und wenn es dann noch drei Euro kostet, dann lache ich kurz und laut in mich hinein und alle im Laden halten mich für einen strangen Typen. Aber das ist mir egal.

Hunger

Ich weiß noch genau wie es war, und wann. Auf der Welle der Konjunktur sind wir geschwommen wie gottverdammte Sektkorken. Heute nehmen wir bei Burger King die kleinen Salz- und Pfeffertütchen mit, um damit zu Hause die aufgewärmte Linsensuppe nachzuwürzen. Was wurde aus unserem klaren Blick, dem selbstsicheren Herbeischnipsen des Kellners, generell Essen-Gehen? Wir machen keine Witze mehr über die C&A-Hemden des Eismannes. Unser Blick gleitet jetzt ab an den Dingen und verliert sich im Hintergrund. Was ist mit unserem Mut passiert? Wir sind doch in erster Reihe marschiert, überall, das Glänzen in unseren Augen maß sich nur mit dem unserer Parmesanreiben und Eierharfen.
Was ist denn nur los? Wie kam es dazu, dass wir plötzlich, ganz plötzlich, nicht mehr schritten, sondern schlichen, als ob wir uns entschuldigen würden für jede Bewegung, ohne Worte, nur durch das starke Zittern unserer Körper. Was ist geschehen? Wir haben Schinken einfach so, aus der Packung gefressen, Scheibe um Scheibe, den guten, geräucherten. Wir waren en point, gefährlich, präzise, wir haben überrascht, sind zurückgekommen, wenn keiner mehr mit uns gerechnet hat. Und was wir immer für einen Krach gemacht haben! Heute ist es ganz still. Vielleicht gluckert mal die Heizung oder man hört den Aufzug in seinem kalten Schacht rastlos sich bewegen.
Was ist aus uns geworden? Wir haben doch Hunger gehabt, so großen Hunger. Ja, wir waren so hungrig. Den Rohschinken aus der Packung, einfach so, zwischendurch. Können Sie sich das vorstellen? Ich weiß, das kann man sich heute überhaupt nicht mehr vorstellen. Heute macht uns ein Brötchen satt. Wenn auf der Packung der Kühlregal-Tortellini für eine Person steht, dann geben wir nur die Hälfte ins kochende Wasser – auch insofern sind wir nur noch halb. Während wir früher gekaut haben wie die Haie, das Fleisch vom Knochen rissen, lutschen wir heute die Brocken weich, um sie überhaupt schlucken zu können. Nur widerwilig sehen wir uns im Spiegel an, verschrumpelte, unaufgeblasene Luftballons, die wir sind, nein, aufgeblasene, aus denen die Luft entwichen ist, schlaffe Gummihüllen, wie Zirkuszelte ohne Gerüst. Ganz flach liegen wir auf dem Boden, ganz flach. Wir bleiben zu Hause und lesen vielleicht mal ein gutes Buch, scheiße, wir lesen so viele gute Bücher, dass wir vergessen haben, wie gut wir selber waren. Ziemlich gut nämlich.
Aber okay, jetzt ist es anders. Jetzt ist es eben anders, vollkommen verschieden, und es ist leider beim besten Willen nicht abzusehen wie lange noch, ich meine, hoffentlich nicht für immer, klar. Vielleicht aber doch. Der Mangold verwelkt und auf der Oberfläche des Wassers bildet sich eine glitzernde Schicht. Wir versuchen, dabeizubleiben. Aber es ist so unglaublich schwer.

Der teiggewordene Vorwurf

– Sie starren so versonnen auf die Panettone.

– Was?

– Na, die Panettone. Mögen Sie vielleicht ein Stück?

– Ich äh. Nein ich, war nur in Gedanken.

– Es ist kein Problem, sie ist da, um gegessen zu werden.

– Ja. Nein. Ich weiß, aber wirklich, danke, mir ist gerade nicht nach Süßem.

– Kommen Sie. Ich habe doch gesehen wie sie geguckt haben. Ich schneide Ihnen ein Stück runter, es ist wirklich kein Problem. Die letzte ist mir glatt vertrocknet. Es ist immer so Schade Essen wegzuwerfen.

– Ich möchte wirklich keine Panettone. Ich mag keine Rosinen und auch keine kandierten Früchte und eigentlich auch keinen Hefeteig. Panettone ist also gewissermaßen leider sozusagen für mich eine eher ungünstige Nachspeise. Warum kaufen sie eigentlich jeden Tag ’ne neue Panettone, wenn die immer vertrocknet. Und als wäre Panettone nicht so schon trocken genug. Wenn überhaupt könnte ich mir ja vorstellen, dass man sowas aus der Verpackung nimmt, nach dem Essen, als Dessert zum Beispiel, und dann gleich alles verteilt an die an der Tafel sitzenden Gäste und den Rest einfriert oder wegwirft oder so. Aber Sie stehen ja hier schon den ganzen Abend und die Panettone wird nicht saftiger, ganz bestimmt nicht. Sondern trockener. Das eigentliche Problem bei Panettone ist doch, dass sie in ihrem frabenfrohen Karton so lecker aussieht und eh man sichs versieht hat man eine zu Hause stehen und merkt nach dem ersten Stück, dass das nichts für einen ist. Und dann steht die Panettone gewissermaßen hinterhältig auf der Anrichte, Tag um Tag, als staubtrockener, Teigbrocken gewordener Vorwurf, durchsetzt mit pappsüßen, zähen Adern aus Orangeat. BAH! Wenn ich nur dran denke. Sie steht da und man mag sie nicht essen, weil sie nach Dämmungsmaterial schmeckt. Aber man will sie auch nicht wegwerfen, weil sie ungefähr soviel kostet wie ein kleiner Familienwagen. Also auf jeden Fall Nein, ich möchte keine Panettone. Ich habe so starr geguckt, weil ich müde bin und gerne nach Hause fahren würde, aber meine Freundin hier im Atelier ausstellt. Ich stehe hier den ganzen Tag schon und ja auch gerne und erzähle den Leuten ein bißchen was über ihre Plastiken, weil sie selbst heute nicht kann, sie musste nach Mainz wegen irgendwas oder Münster ich weiß es nicht mehr so genau. Ich will ihr da auch keinen Vorwurf machen, schon gar keinen teiggewordenen, aber ich hab so schlecht geschlafen weil sie ständig ficken über mir. Tut mir Leid, ich meine natürlich, Sie wissen was ich meine.

– Klar. Grissini?

– Gern.