Die zwei Typen

Typ I und Typ II sitzen an einem wolkigen Septembertag in der Fußgängerzone vor einem SB-Backshop. Ort der Handlung ist eine mittelgroße, industriell geprägte Stadt, vielleicht Ludwigshafen. Ja, Ludwigshafen. Der Himmel ist bedeckt. Beide haben jeweils einen Teller mit einer unberührten Spinat-Feta-Tasche darauf vor sich stehen. Sie starren in Gedanken versunken auf die vorbeiziehenden Shoppenden.

Typ I: (plötzlich aus seiner Lethargie hochfahrend) Warst du mal da? (er zeigt auf eine Imbissbude auf der anderen Straßenseite.)

Typ II reagiert nicht

Typ I: Hm?

Typ II: (abwesend) Was?

Typ I: Na bei Sultan. Neulich hab ich da gefragt ob ich noch Spinat haben kann auf meine Köfte. Hat er nur geguckt. War ihm wohl zu crazy. (lacht glucksend)

Typ II: Hm, krass.

Beide Typen verfallen wieder in Lethargie. Typ II holt schließlich aus der Vordertasche seines Rucksacks ein einzeln verpacktes Wegwerf-Brillenputztuch hervor, reißt es aus der Hülle und beginnt, gewissenhaft das Display seines Smartphones zu reinigen. Anschließend betrachtet er zufrieden sein Gerät und steckt es schließlich wieder ein. Unvermittelt erbricht sich in unmittelbarer Nähe der beiden ein übergewichtiges Kind in eine Einkaufstüte.

Typ I: Haha, Geil.

Typ II: Voll.

Typ I beißt beherzt in seine Spinat-Feta-Tasche und betrachtet kauend die Mutter des Kindes, die ihrem Sprössling mit einem fleckigen Papiertaschentuch das Erbrochene vom Mund abzuwischen versucht. Er nickt abwesend, stopft sich den Rest der Spinat-Feta-Tasche in den Mund, murmelt Typ II etwas Unverständliches zu, steht auf, wischt sich die Hände an seinen Cargoshorts ab und legt seine Umhängetasche um. Bestimmt überquert er die Straße und überreicht der Mutter ein frisches Taschentuch. Diese bedankt sich peinlich berührt. Typ I zuckt mit den Achseln und blickt zu Boden. Dann winkt er Typ II zum Abschied und verschwindet in einem Drogeriemarkt. Es beginnt zu nieseln und Typ II packt seine Spinat-Feta-Tasche in eine Tüte, welche er wiederrum in seinem Rucksack verstaut. In Gedanken schlendert er Richtung Hauptbahnhof, der in Ludwigshafen nicht Hauptbahnhof heißt, sondern Zentralbahnhalte. Dort steigt er in einen Fernverkehrszug und fährt davon. Wir bleiben ratlos zurück, angesichts der Szenen, von denen wir Zeuge wurden. Wir bleiben außerdem in Ludwigshafen zurück, was ja nicht besonders nett ist, und fühlen uns von den beiden Typen ein wenig hintergangen. Ein unbefriedigendes Ende für einen derart vielversprechenden Beginn. Wir sind empört. Vorhang.