Archiv für Juni 2016

Milch

„Milch“, das sagte Editha, „Milch“, insistierte sie, „gehört nicht in die Bolognese!“ Wir standen uns im Modus offener Konfrontation in unserer engen Einbauküche gegenüber, zwischen uns ein enormer, gusseisener Topf mit appetitlich brodelnder italienischer Fleischsauce. Extraviel hatten wir gemacht, um noch eine gute Portion einfrieren zu können, für die Prüfungsphase, wo man immer keine Zeit zum Kochen hat. In meinen Händen hielt ich eine Flasche beste Biomilch, in ihren befand sich ein Tablet, das als Kronzeuge missbraucht wurde, oder zumindest missbraucht werden sollte, denn es gab nur mir Recht, immer und immer wieder. Wikipedia sagte Milch. Der Foodblog von Edithas Bruder sagte Milch. Pinterest sagte Milch. Jamie Oliver, Alfons Schuhbeck, Tim Mälzer, Gordon Ramsay, sie alle schrien Milch im Chor. Editha jedoch legte das Tablet auf die Küchenanrichte zwischen die Zwiebelschalen und verschränkte die Arme, so als wollte sie den Duden-Eintrag zur Sturheit gestisch inszenieren.
Am Ende war keine Milch in der Bolognese. Auf diese Weise einer milden Note beraubt, schmeckte sie fürchterlich würzig und vorlaut. Der Sellerie und die Tomaten, der Lorbeer und das Salz plapperten mangels des diplomatischen Einspruchs eines Milchprodukts wie wild durcheinander, und das Fleisch gab sich dumpf und metallisch.
So falsch schmeckte das, so falsch, dass ich aufspringen und auf den Balkon flüchten musste, wo ich mir eine so dicke Zigarette drehte, dass der Tabak fast durch das Papierchen platzte. Die rauchte ich, in mich hinein schimpfend, und dachte daran, dass Milch in die Bolognese gehört.
Als ich mich schließlich beruhigt hatte, ging ich in die Küche, verteilte die übrige Soße auf vier kleine Gefrierbeutel, und überantwortete sie den Untiefen unserer Gefriertruhe. Ohne Zögern.

An dieser Stelle macht die Geschichte einen Zeitsprung von ungefähr 25. 000 Jahren

Germholz Holk und sein Team kämpften sich, widrigen Wetterbedingungen trotzend, durch das ewige Eis. Sie waren in einen Blizzard geraten, und nur um ein Haar einem frostigen Tod entgangen, doch nun schien das Ziel endlich in greifbarer Nähe zu sein. Hier, genau hier, musste vor Jahrtausenden Darmstadt gelegen haben. Mit steifen Fingern errichtete die kleine Gruppe, allesamt zu den hartgesottensten Archäologen ihrer Zeit gehörig, eine kleine Zeltstadt, und installierte den Eisbohrer.
Die ersten drei Tage vergingen ergebnislos, am vierten, als man schon fast aufgeben wollte, da stieß man auf etwas. Fieberhaft wartete man, bis der Bohrer schließlich aus mehreren hundert Metern Tiefe eine kleine Probe heraufbeförderte, die wie eine Hostie behutsam in das Analysezelt verbracht wurde. Gegen Abend versammelte Frudrun Jontz, ihres Zeichens Biochemikerin und mit der Untersuchung der Probe betraut, die restlichen Mitglieder der Expedition im Hauptzelt um den Elektroofen.
Ein paar Momente baute sie die Spannung noch auf, dann sagte sie ein Wort in die überheizte Zeltluft, das sich merkwürdig deplaziert gebärdete. Bolognese. Ein Raunen erfüllte den Raum.
„Bolognese?“ erkundigte sich Germholz Holk verblüfft, und erhob sich von seinem Klappstuhl. „Nun ja“, Frudrun Jontz runzelte die Stirn, „nicht ganz. Ich konnte Spuren von Sellerie nachweisen, Karotten, Lorbeer, Tomaten, Zwiebeln, Olivenöl, Butter, Hackfleisch natürlich … aber es scheint, naja, meine Untersuchungen lassen keinen anderen Schluss zu, es scheint eine Zutat zu fehlen, nämlich Milch.“ „Eine Bolognese ohne Milch?“ Holk hustete ein keuchendes Lachen heraus. „Das, liebe Kollegin, klingt mir eher nach einer ordinären Hackfleischauce, wenn ich ganz ehrlich sein darf.“ Und Geräusche der Zustimmung waren seitens der anderen zu vernehmen.

Am nächsten Morgen brach die Gruppe die Zelte ab und machte sich auf, zurück in die Zivilisation. Jeder Einzelne von ihnen dachte noch oft an die Reise zurück, und den merkwürdigen Fund, den sie im Herzen der ehemaligen europäischen Hochkultur gemacht hatten. Die alten Völker waren voller Geheimnisse, soviel konnte man schließen, und nie wird jemand sie gänzlich ergründen können.