Man hatte es schwer

Wissen Sie, man macht sich überhaupt keine Vorstellungen, was ein junger Theaterschauspieler zu Beginn seiner Karriere alles erleiden muss. Ich kann Ihnen kurz einige Geschichten erzählen, wenn Sie mögen, nur das eine oder andere, damit Sie mal eine Vorstellung bekommen.
1998 war ich nach Essen gezogen, in die große Stadt, raus aus der stickigen Enge des Odenwaldes, ein junger Mime voller Elan, strotzend vor Visionen, wild, verrückt, bereit sich zu verwirklichen. Am Anfang nahm ich alles an, was ich kriegen konnte. Wie oft ich damals allein Bäume gespielt habe! Eschen, Erlen, Buchen, Tannen. Auch Sträucher und Gräser, dafür war ich mir durchaus nicht zu schade. Am liebsten spielte ich noch Weiden, aus dem naheliegenden Grund, dass im langsamen Wiegen dieser freundlichen Gewächse wenigstens noch ein Funken der Möglichkeit künstlerischen Ausdrucks aufbewahrt ist, während eine Tanne ja gewissermaßen felsenfest im Boden ruht, da ruckt nichts, da steht man dann für die Dauer des Stücks nur herum und regt sich kein Stück. Anders Weiden! Wie ich mich gewiegt habe! Verdammt, stundenlang. Und wofür? Für ein paar spöttische Blicke seitens der Hauptdarsteller und einen Umschlag mit ein paar Mark, manchmal gab es auch nicht das Geringste. Man versuchte dann wenigstens einen Funken Aufmerksamkeit oder gar einen wohlwollenden Blick des Regisseurs angesichts des ausdrucksstarken Wiegens zu erhaschen.

Ich glaube, bis ich das erste Mal einen Menschen gespielt habe, sind anderthalb Jahre vergangen. Und dann auch erst mal nur Tote. Wasserleichen, Brandopfer, Erschlagene, Erstochene, Erwürgte. Es war schrecklich. Ich bin halb depressiv geworden davon. Meine Haut nahm einen gelblichen Ton an, von der Überidentifikation, das können Sie sich überhaupt nicht vorstellen. Und immer gabs nur einen mickrigen monetären Brotkrumen, hin und wieder hab ich sogar Münzgeld als Gage bekommen! Stellen Sie sich das vor! Der Regieassistent feixt blöde und greift sich in seine verklebte Jeanstasche hinein und gibt mir eine Hand Wechselgeld! Geschlafen hab ich bei Freunden und Bekannten, mal hier, mal dort, auf Futons, Sofas, Canapees, Reismatten, Ofenbänken! Immer mit meinem Rucksack über der Schulter, in dem sich meine wenigen Habseligkeiten befanden: ein paar Hemden, einige Unterhosen, Glückliche Tage von Beckett und eine Kassette mit skandinavischer Akkordeonmusik. Den Walkman hatte ich schon lang nicht mehr, der wurde mir in der Umkleide des Gideon Fleischhund Theaters geklaut, als ich einen Knallerbsenstrauch und einen Drogentoten in einer Doppelrolle verkörperte.

Nach drei, vier Jahren wurde es etwas besser. Friedemann Vlučič hat mir als einer der ersten eine Chance gegeben, später auch Leuten wie Hutzner, Lomberti, Griebenrund. Naja, es ging bergauf. Was ich Ihnen nur sagen kann, ich denke das lässt sich ohne Weiteres sagen, werden Sie niemals Künstler. Vielleicht eine Ausbildung oder so etwas, Gärtner etwa, sehr befriedigende Arbeit. Oder im sozialen Bereich. Die Leichen, die ich spielte, raunen mir nachts zu, und die Pflanzen umtänzeln mich. Oft bin ich unausgeschlafen und komme zu spät zur Probe. Die Zeit der Entbehrung, das weiß ich heute, ist es nicht wert. Sie hat mich nicht geformt, wie man oft flapsig dahinsagt, sondern deformiert, wie einen Batzen Wachs in der Sahara. Die Weiden, die ich spielte, stehen nachts feixend in den dunklen Ecken meines Zimmers und wiegen, wiegen, wiegen.

Gott, dieses Wiegen.


1 Antwort auf „Man hatte es schwer“


  1. 1 GAX Axel Gundlach 15. April 2016 um 23:52 Uhr

    Moin Kaleb

    sehr schön geschrieben. und auf den Punkt getroffen.

Die Kommentarfunktion wurde für diesen Beitrag deaktiviert.