Archiv für Dezember 2015

Nach B gehen

„Weißt du, wenn man in einer fremden Stadt von A nach B schlendert, und man hegt die Absicht, irgendwo auf dem Weg etwas zu sich zu nehmen, dann ist das immer eine vertrackte Sache. Gleich nach dem Losgehen entdeckt man ein ansprechendes Restaurant, die Speisekarte verspricht Verlockendes, die Preise sind in Ordnung, aber man geht weiter. Man will sich nicht in den erstbesten Laden setzen, man ist überzeugt, es findet sich noch Besseres auf dem Weg. Und so lässt man Möglichkeit um Möglichkeit links liegen, hofft ständig auf die perfekte Lösung, den Tempel der Kulinarik, den Sonnenstreif am Horizont, genau das, worauf man grade Lust hat, auch wenn man nicht so genau weiß, was das ist. Und das Ende vom Lied: Am Ziel des Spaziergangs, in der unmittelbaren Nähe von B, ist man derart hungrig, dass man sich in der erstbesten nach altem Fett stinkenden Fressbude ein enttäuschendes Fleischrestesandwich in den Mund schiebt, und voller Bedauern realisiert, dass der Ort ganz in der Nähe von A, an dem man zu Beginn selbstsicher vorbeimarschiert war, dass genau dieser Laden perfekt gewesen wäre. Und Unzufriedenheit breitet sich aus angesichts der unbefriedigenden Sättigung, die einem der garstige Fettbrocken verschafft hat. Kennst du das?“

„Soll das so eine Art Analogie auf das Leben mit der Message ‚Genieße den Moment‘ sein? Dass man die Gelegenheit beim Schopfe packen soll, bevor sie vorüberzieht?“

„Hm. Nein. Das lässt sich da, glaube ich, nicht reininterpretieren. Weil: Es ist ja nicht gesagt, dass das beste Restaurant am Beginn des Weges liegt. Man könnte ja auch ganz am Ende, bei B, darauf stoßen. Dann ärgert man sich, wenn man, aus dem Bahnhof raus, ins erstbeste Bistro gestolpert ist und den Rest des Weges dann zwar satt, aber unzufrieden bestreiten muss, weil mundbewässernde Etablissements den Weg pflastern. Insofern wäre das Ganze als lebensbereicherndes Gleichnis relativ nutzlos, weil es ja im Grunde nur sagt: ‚Manche Entscheidungen sind richtig, manche falsch, was soll man machen.‘“

Vera schien das Interesse an meiner kleinen Narration verloren zu haben, glotzte durch die Glasfront des Cafés hindurch und lutschte auf ihrem Hollundermuffin herum wie ein alter, zahnloser Hund. Wie es so ihrer pseudotiefsinnigen Art entsprach, hatte sie meine Geschichte als Gleichnis abgestempelt und nicht verstanden, dass der Subtext des Ganzen meine ganz reale und konkrete Unzufriedenheit mit meinem Petersilienpesto-Schinkencrostini und der generellen Situation, in der wir uns befanden, war. Sie besaß wahrlich trotz all ihrer blöden fingierten Nachdenklichkeit die Subtilität eines Mettigels. Auch ich blickte nun hinaus, auf die Menschen und Straßenlaternen von B und sagte mir einmal mehr, dass A den erheblich ansprechenderen Teil dieser Stadt darstellte. Nichtsdestotrotz waren wir von A nach B gegangen. Das hatte für mich nichts Mystisches oder Geheimnisvolles, es war schlicht Ergebnis einer schlechten Entscheidung und ich hatte keine Lust darüber nachzudenken. Denn all die Symbolik dieser Welt, das wusste ich ganz unwillkürlich, das war das Fazit dieser ganzen unheilvollen Story, würden nichts an dem latenten Übelkeitsgefühl ändern, das mich, das war bereits zu spüren, in den nächsten Stunden begleiten sollte.