Archiv für November 2015

Scheu

Meine Mitbewohnerin ist ein Reh. Heute hat sie es mir gestanden, obwohl gestanden wahrscheinlich das falsche Wort sein mag, es ist ja nichts dabei. Und doch hat sie es geheim gehalten. Ich mochte sie sehr gern, von Anfang an. Schon beim WG-Casting mochte ich sie, als sie am anderen Ende unseres lächerlich niedrigen Tisches saß, der Stuhl wirkte zu groß, so klein und zart und zierlich war sie, aber zugleich sehnig und muskulös, wie eine Miniaturmarathonläuferin mit Beinen wie Streichhölzer. Im Gespräch schlug sie abwechselnd die Augen zu Boden und blickte nervös umher. Sie liebe die Natur, sagte sie leise, und wie nah unsere Wohnung am Stadtwald sei, gefalle ihr sehr. Ich warf Leon vielsagende Blicke zu. Er fing sie auf. Wir hatten unsere neue Mitbewohnerin gefunden: Sie hieß Linda, ein Name wie ein lauer Windstoß durch einen herbstlichen Wald.
Eine Woche nach ihrem Einzug hatte Linda einen Autounfall. Als wir sie im Krankenhaus besuchten, hauchte sie bloß, sie sei nach Anbruch der Dunkelheit im Wald spazieren gegangen, und auf dem Rückweg, beim Überqueren der Landstraße, sei es passiert: Das Fahrzeug sei plötzlich da gewesen, wie aus dem Nichts, hätte sie angestrahlt und sie sei zur Salzsäure erstarrt anstatt auszuweichen. Der Schock. Sie hatte sich den linken Arm und das linke Bein gebrochen und musste noch eine Woche zu Hause das Bett hüten. Ihr Vater kam sie einmal besuchen, ein stolzer Mann mit aufrechter Haltung und schweifendem Blick, und brachte ihr Tannenblut-Bronchialsirup. Obwohl ja mit ihren Bronchien im Grunde alles stimmte. So weit, so irritierend.
Nach ihrer Genesung fanden sich weitere Anlässe zum Stirnrunzeln. Im Küchenmülleimer klebten ständig kleine Brocken bräunlicher Pampe, und eines Tages beobachtete ich Linda, wie sie beiläufig etwas hinein spuckte. Als sie einmal bei ihrem Praktikum im Forstministerium war, schlüpfte ich in ihr Zimmer. Alles war in erdigen Tönen gehalten, ihr Bettbezug mit kleinen Bäumchen gemustert. Es roch penetrant nach Wald, und nach einigem Schnuppern konnte ich genauer sagen: nach Harz. Ich fuhr mit dem Geschnüffel fort, um den Ursprung des Geruchs zu finden, und öffnete schließlich einen in dem aus rustikalem Holz gefertigten Wandregal stehenden Schuhkarton. Er war voller frischer Triebe. Triebe, wie ich im Rahmen ausgiebiger Internetrecherche herausfand, von Nadelbäumen. Auf diesen Trieben kaute sie also stetig herum, bald konnte ich es auch anhand ihres merkwürdig schweren, aber eigentlich angenehmen Atemgeruchs verifizieren. Spätestens dann begann in mir ein Verdacht zu reifen, der nur einen Monat später Gewissheit werden sollte.
Leon rief mich an, als ich gerade bei meiner Lieblingspizzeria ein Schnitzel aß. Linda lag schon wieder im Krankenhaus, und zwar war sie angeschossen worden, von einem Jäger wohl. Zum Glück nur in den Arm, keine Arterie war verletzt. Verwirrt legte ich auf und aß in Gedanken mein Schnitzel auf. Dann zahlte ich und fuhr mit der U7 zum Elisabethstift. Linda war noch blasser als sonst, und ihre für ihr zierliches Erscheinen ausgesprochen buschigen Augenbrauen prangten in ihrem Gesicht wie Kohleflöze im Schnee. Sie war bei Bewusstsein. Ich setzte mich zu ihr und stellte das Kiefernöl-Entspannungsbad, das ich noch im Reformhaus um die Ecke besorgt hatte, zu den anderen Mitbringseln auf den Plastikrolltisch. Lange schwiegen wir. Dann sagte ich, und es klang mehr nach einer Feststellung als einer Frage: „Du bist ein Reh.“ Weil ich mir nicht sicher war, wie sie diese abrupte Konfrontation aufnehmen würde, schob ich noch mit einem unsicheren Lächeln hinterher: „Oder nicht?“ Sie starrte in die stinkende Krankenhausluft, dann nickte sie bestimmt, mit einem ergebenen Lächeln, als falle die so lang getragene Last des Versteckspiels von ihr ab. „Wird es deshalb jetzt komisch sein?“, fragte sie leise. Ich lachte und schüttelte den Kopf. Wir blickten uns lange an. Und dann nahm ich ihre Hand.

Wir saßen noch den ganzen Tag gemeinsam herum und scherzten und guckten Reality-TV auf dem Bezahlfernseher, bis der Abend anbrach und es Zeit war zu gehen. Nachdenklich schlenderte ich auf dem von toten Vögeln bedeckten Pfad an der auch Nachts hell erleuchteten Glasfassade des Stifts entlang, dem Wald entgegen. Der harzige Geruch stieg mir in die Nase, der mir ein Lächeln aufs Gesicht legte. Ich pflückte einen Trieb und roch daran, mit geschlossenen Augen, und dachte an Linda. Dann steckte ich ihn mir in den Mund. Er schmeckte gut.