Orpheus

Meine Profession und Passion ist es, mit dem Rücken zum Ereignis zu stehen. Angefangen habe ich im Fußballstadion, als einer der Sicherheitsleute, die die Fans beobachten und sicher stellen, dass niemand über die Abgrenzung klettert oder den Ball nicht wieder hergibt, wenn er ihm zufällt. Ich war gut in meinem Job, weil ich mir nicht viel aus Fußball mache. Grade wenn es eine spannende Szene gab oder gar ein Tor fiel, und die Menge aufjaulte wie ein einziger riesiger Seehund, dann schaute ich ihnen viel lieber beim Jaulen zu als dem Reflex nachzugeben mich umzudrehen. Die Begeisterung der Fans war mir eine Übersetzung der Geschehnisse auf dem Feld in eine universelle Sprache, nämlich die unmittelbare menschliche Emotion. Das mochte ich so sehr, dass ich parallel einen Nachtjob in einer Konzerthalle annahm. Es ging darum, zwischen Band und Publikum zu stehen und Konzertbesucher vom Stagediven oder dem Erstürmen der Bühne abzuhalten. Hier war es schon schwerer, Disziplin zu bewahren. Einmal spielte sogar meine Lieblingsband, The nervous ferrets, und ich kann mit Stolz sagen, nur einmal einen Blick riskiert zu haben, nämlich als der Frontsänger diese Sache machte, die er immer macht, mit dem Mikrokabel.

Aber am meisten begeistert haben mich Sprengungen. Die Singularität des Ereignisses gab ihm einen ganz besonderen Touch, die Augen der Zuschauer wurden geradezu eingesogen von dem Ereignis, sie glotzen das in sich zusammenfallende Gebäude an als würden sie das Gesehene trinken, in großen Schlücken. Gleichzeitig waren sie meine härteste Prüfung. „Wer sich umdreht“, hatte uns der Sprengmeister im Vorfeld beschworen, „Wer sich umdreht, wird gefeuert. Das ist kein Spaß hier. Wenn ein Kind sich aus der Menge löst und auf das zusammenstürzende Gebäude zuläuft, und ihr merkt nichts, weil ihr selber glotzt, könntet ihr damit leben?“
Konnten wir natürlich nicht, und wollten wir auch nicht. Selbst bei der Sprengung des ehemaligen Hauptsitzes der FRISA-Versicherung, dem schlacksigen Karl, wie ihn echte Stralsunder nannten, blieb mein Blick eisern nach vorne gerichtet. Sie müssen sich vorstellen: Ich konnte den schlacksigen Karl von meinem Kinderzimmerfenster aus sehen! Ich sah jeden Morgen auf ihn, stieg aus dem Bett und er war das Erste, das sich mir offenbarte. Und trotzdem war ich während seines Ablebens den braven Bürgern der Stadt Stralsund zugewandt, statt Zeuge zu werden. Als würde man beim Tod eines geliebten Bruders nicht dessen Hand, sondern die einer Krankenschwester halten. Später jedoch, als die Menge sich zerstreut und der Staub sich gelegt hatte, erlebte ich noch einen kurzen intimen Moment mit den Resten des Klotzes, der Leiche des Riesen, der mich architektonisch gesehen aufgezogen hatte. Am Rand der Absperrung stehend, auf den Trümmerhaufen blickend, habe ich geweint.

Es ist kein leichter Job. Aber man lernt: Einer muss nicht hinsehen. Überall, wo viele tausend Leute zugucken, muss einer den Leuten zugucken. Und das bin ich.