Chronist der Enttäuschung II

In der Mitte Australiens, da wo nur Wüste ist, tausende Kilometer östlich von Perth, tausende Kilometer westlich von Brisbane, liegt der Lake Disappointment. Benannt wurde der Lake Disappointment 1897 von Frank Hann, einem Hallodri und Entdecker britischer Herkunft. Mühsam war Hann diversen ausgetrockneten Flussläufen gefolgt, in der Hoffnung ein Trinkwasserreservoir zu finden für seine durstigen Packtiere und Helfer. Was er stattdessen fand war ein Salzgewässer von der Größe des Bodensees. Man muss sich die Enttäuschung vorstellen, die Enttäuschung, die den Mann letztlich dazu trieb, genau diesen Namen zu wählen: See der Enttäuschung. Am Horizont wird das kühle Nass aufgetaucht sein, gelaufen ist er, unermüdlich trieb er wohl seine Mannschaft an ‑ so Nahe am Ziel ‑ und dann am Ufer? Der erste, atemlos gleich aus der Hand geschlürfte Schluck: ungenießbar, Durst erzeugend. Was für eine Enttäuschung. Da wird er wohl gesessen sein, an den Wogen dieses heimtückischen Miniatur-Meeres, der Tag war dahin, und auch der Pfeifentabak wollte ihm nicht mehr recht schmecken. Wahrscheinlich dachte er zurück an Kindheitstage, in der zeremoniellen britischen Grafschaft Wiltshire, als seine Mutter ihm versprach, aus ihm möge Großes werden. Aber: Nicht mal etwas Süßwasser für die Träger und Tiere nach solch langer Reise, ihre Augen ohne Hoffnung, Gesichter faltig vor Gram. Dieser grausige Tümpel sollte wenigstens auf ewig das Mal der Schande tragen, was natürlich etwas albern war, das war Hann insgeheim klar, dem See die Schuld für sein Versagen zuzuschieben, aber wir wissen heute nur das, was wir auf der Landkarte lesen und denken an Frank Hann, der 1921 verarmt verstarb.

118 Jahre später saß ich konsterniert in meiner viel zu kleinen Einbauküche herum. Das Ofenbrot war, man kann es leider nicht anders sagen, auf ganzer Linie ein kompletter Reinfall. Der Drift bei den Tiefkühlprodukten hin zur „traditionellen“ Zubereitung, die den Markt vor einiger Zeit erfasst hatte, war mir grundsätzlich sehr gelegen gekommen. Ausdrücke wie Rustico, Bauernart oder nach traditionellem Rezept lösten in mir eine Sympathie aus, bei der sich jeder Marketingmensch nur die Hände reiben konnte. Ich aß Pizzen mit dunklem Teig und schwarzem Rand, Schlemmerfilets mit den Marinaden unserer Vorväter, handbefüllte Tortellini und Tortelloni. Aber dieses Ofenbrot hat mich fertiggemacht. Zu klein für den Preis, zu groß, um das ganze ekelerregende Ding herunterzuschlingen. Lieblos arrangierter Belag auf matschigem Untergrund, halbherzig vorgebacken. Ich blickte auf dem Tisch herum und von der neuesten Ausgabe der Geschichte Heute blickte mir Frank Hann entgegen, wir schauten uns an und teilten einen kurzen intimen Moment miteinander. Das gab mir Kraft, das Teigdesaster zu entsorgen.