Archiv für Februar 2015

Die unsympathische Dönerverkäuferin

In meiner Straße gibt es einen kleinen Laden und dort gibt es Döner, Tabakwaren, Süßigkeiten, verschiedene Alkoholika und andere Dinge, die man um halb neun noch brauchen kann. Der Laden wird geführt von der unsympathischen Dönerverkäuferin und ihrem Mann. Der Mann der unsympathischen Dönerverkäuferin ist ein älterer Herr mit starkem, sächsischen Akzent, der jeden Tag einen anderen Trainingsanzug trägt. Mal einen blauen, mal einen grauen. Meistens steht er vor dem Laden und raucht eine Zigarette oder unterhält sich mit seinen Freunden. Wenn ich vorbeigehe, grüße ich ihn freundlich, aber er grüßt leider selten zurück. Ich finde das ziemlich schade, ich mag ihn nämlich eigentlich ganz gerne.
Wenn man bei der unsympathischen Dönerverkäuferin etwas kauft, auch wenn es ganz klein ist, dann kostet es meistens drei Euro. Es ist gar nicht mal so wichtig, was man kauft, oder wie viel. Einmal brauchte ich dringend eine Zwiebel. Ich war etwas in Panik, weil ich zwiebellos gewissermaßen aufgeschmissen gewesen wäre, die Supermärkte allerdings schon seit einer halben Stunde geschlossen hatten. Wortlos legte sie mir das Verlangte vor, blickte mir in die Augen und sagte mit fester Stimme: „Drei Euro“. Ich zog die Augenbrauen zusammen und schaute so kritisch wie ich nur konnte. „Die Zwiebel kostet drei Euro?“, fragte ich. Die Dönerverkäuferin sah mich voller Ekel und Verachtung an und dann sagte sie: „Ja.“ Und etwa drei Sekunden später nickte sie so energisch in die Stille hinein, dass ich begann, meine Taschen nach Kleingeld zu durchsuchen.
Ein anderes Mal kam ein Freund von mir in meine Wohnung gestürzt und warf vollkommen außer sich seinen Jutebeutel auf den Sitzsack, der mir als Kleiderständer dient. „Diese Frau“, rief er wutentbrannt aus, „diese Frau“. Er stürmte in die Küche, goß sich in ein Wasserglas etwas Schnaps und leerte es in einem Zug. Seine Atmung normalisierte sich. Immer noch sehr aufgeregt fuhr er fort: „Ich komm‘ in den Laden und hol mir ein Bier. Ich stell‘ das Bier auf den Ladentisch. Ich leg‘ das Geld dazu. Und sie schaut mich an und sagt: „Nein.“ „Wie, nein?“ „Na, nein. Einfach nein. Ich bin natürlich total verunsichert und so, denke ich hab’s falsch verstanden, und trau‘ mich aber nicht nachfragen. Ich nehm‘ also mein Bier und verlasse langsam den Laden, wie um zu testen wie sie reagieren wird, gewissermaßen rückwärts gehend.“ „Und?“ „Sie hat nur so geguckt, wie sie immer guckt, so … naja, herablassend.“

So war sie.

Im März 2007 habe ich dann den Studienplatz an der Technischen Uni Wismar bekommen. An meinem letzten Tag in Saarbrücken, ich saß zwischen gepackten Kisten und räumte die Dinge, für die es keinen festen Platz gibt, in einen letzten Karton, da dachte ich nochmal an die unsympathische Dönerverkäuferin. Kurz entschlossen verließ ich die Wohnung und schlenderte die Straße hinunter, zu ihrem kleinen Geschäft. Da stand sie hinter der Theke, wie ein grimmiger Räuber. Ich legte irgendeinen Gegenstand auf die Theke, ich weiß es nicht mehr genau, und sah sie sehr eindringlich an. Sie blickte zurück und sagte dann: „Drei Euro.“ In melancholischer Stimmung verließ ich den Laden.

Noch heute denke ich manchmal an sie, wenn ich irgendwo zuviel bezahle, und wenn es dann noch drei Euro kostet, dann lache ich kurz und laut in mich hinein und alle im Laden halten mich für einen strangen Typen. Aber das ist mir egal.