Archiv für Januar 2015

Hunger

Ich weiß noch genau wie es war, und wann. Auf der Welle der Konjunktur sind wir geschwommen wie gottverdammte Sektkorken. Heute nehmen wir bei Burger King die kleinen Salz- und Pfeffertütchen mit, um damit zu Hause die aufgewärmte Linsensuppe nachzuwürzen. Was wurde aus unserem klaren Blick, dem selbstsicheren Herbeischnipsen des Kellners, generell Essen-Gehen? Wir machen keine Witze mehr über die C&A-Hemden des Eismannes. Unser Blick gleitet jetzt ab an den Dingen und verliert sich im Hintergrund. Was ist mit unserem Mut passiert? Wir sind doch in erster Reihe marschiert, überall, das Glänzen in unseren Augen maß sich nur mit dem unserer Parmesanreiben und Eierharfen.
Was ist denn nur los? Wie kam es dazu, dass wir plötzlich, ganz plötzlich, nicht mehr schritten, sondern schlichen, als ob wir uns entschuldigen würden für jede Bewegung, ohne Worte, nur durch das starke Zittern unserer Körper. Was ist geschehen? Wir haben Schinken einfach so, aus der Packung gefressen, Scheibe um Scheibe, den guten, geräucherten. Wir waren en point, gefährlich, präzise, wir haben überrascht, sind zurückgekommen, wenn keiner mehr mit uns gerechnet hat. Und was wir immer für einen Krach gemacht haben! Heute ist es ganz still. Vielleicht gluckert mal die Heizung oder man hört den Aufzug in seinem kalten Schacht rastlos sich bewegen.
Was ist aus uns geworden? Wir haben doch Hunger gehabt, so großen Hunger. Ja, wir waren so hungrig. Den Rohschinken aus der Packung, einfach so, zwischendurch. Können Sie sich das vorstellen? Ich weiß, das kann man sich heute überhaupt nicht mehr vorstellen. Heute macht uns ein Brötchen satt. Wenn auf der Packung der Kühlregal-Tortellini für eine Person steht, dann geben wir nur die Hälfte ins kochende Wasser – auch insofern sind wir nur noch halb. Während wir früher gekaut haben wie die Haie, das Fleisch vom Knochen rissen, lutschen wir heute die Brocken weich, um sie überhaupt schlucken zu können. Nur widerwilig sehen wir uns im Spiegel an, verschrumpelte, unaufgeblasene Luftballons, die wir sind, nein, aufgeblasene, aus denen die Luft entwichen ist, schlaffe Gummihüllen, wie Zirkuszelte ohne Gerüst. Ganz flach liegen wir auf dem Boden, ganz flach. Wir bleiben zu Hause und lesen vielleicht mal ein gutes Buch, scheiße, wir lesen so viele gute Bücher, dass wir vergessen haben, wie gut wir selber waren. Ziemlich gut nämlich.
Aber okay, jetzt ist es anders. Jetzt ist es eben anders, vollkommen verschieden, und es ist leider beim besten Willen nicht abzusehen wie lange noch, ich meine, hoffentlich nicht für immer, klar. Vielleicht aber doch. Der Mangold verwelkt und auf der Oberfläche des Wassers bildet sich eine glitzernde Schicht. Wir versuchen, dabeizubleiben. Aber es ist so unglaublich schwer.