Archiv für Dezember 2014

Der teiggewordene Vorwurf

– Sie starren so versonnen auf die Panettone.

– Was?

– Na, die Panettone. Mögen Sie vielleicht ein Stück?

– Ich äh. Nein ich, war nur in Gedanken.

– Es ist kein Problem, sie ist da, um gegessen zu werden.

– Ja. Nein. Ich weiß, aber wirklich, danke, mir ist gerade nicht nach Süßem.

– Kommen Sie. Ich habe doch gesehen wie sie geguckt haben. Ich schneide Ihnen ein Stück runter, es ist wirklich kein Problem. Die letzte ist mir glatt vertrocknet. Es ist immer so Schade Essen wegzuwerfen.

– Ich möchte wirklich keine Panettone. Ich mag keine Rosinen und auch keine kandierten Früchte und eigentlich auch keinen Hefeteig. Panettone ist also gewissermaßen leider sozusagen für mich eine eher ungünstige Nachspeise. Warum kaufen sie eigentlich jeden Tag ’ne neue Panettone, wenn die immer vertrocknet. Und als wäre Panettone nicht so schon trocken genug. Wenn überhaupt könnte ich mir ja vorstellen, dass man sowas aus der Verpackung nimmt, nach dem Essen, als Dessert zum Beispiel, und dann gleich alles verteilt an die an der Tafel sitzenden Gäste und den Rest einfriert oder wegwirft oder so. Aber Sie stehen ja hier schon den ganzen Abend und die Panettone wird nicht saftiger, ganz bestimmt nicht. Sondern trockener. Das eigentliche Problem bei Panettone ist doch, dass sie in ihrem frabenfrohen Karton so lecker aussieht und eh man sichs versieht hat man eine zu Hause stehen und merkt nach dem ersten Stück, dass das nichts für einen ist. Und dann steht die Panettone gewissermaßen hinterhältig auf der Anrichte, Tag um Tag, als staubtrockener, Teigbrocken gewordener Vorwurf, durchsetzt mit pappsüßen, zähen Adern aus Orangeat. BAH! Wenn ich nur dran denke. Sie steht da und man mag sie nicht essen, weil sie nach Dämmungsmaterial schmeckt. Aber man will sie auch nicht wegwerfen, weil sie ungefähr soviel kostet wie ein kleiner Familienwagen. Also auf jeden Fall Nein, ich möchte keine Panettone. Ich habe so starr geguckt, weil ich müde bin und gerne nach Hause fahren würde, aber meine Freundin hier im Atelier ausstellt. Ich stehe hier den ganzen Tag schon und ja auch gerne und erzähle den Leuten ein bißchen was über ihre Plastiken, weil sie selbst heute nicht kann, sie musste nach Mainz wegen irgendwas oder Münster ich weiß es nicht mehr so genau. Ich will ihr da auch keinen Vorwurf machen, schon gar keinen teiggewordenen, aber ich hab so schlecht geschlafen weil sie ständig ficken über mir. Tut mir Leid, ich meine natürlich, Sie wissen was ich meine.

– Klar. Grissini?

– Gern.