Archiv für November 2014

Gewaltprävention

Im Bus saß mir eine Frau mit einem Kind gegenüber. Jedes Mal, wenn das Kind etwas zu sagen versuchte, gab ihm die Frau eine schallende Ohrfeige. Das zog sich zehn Minuten hin, bis ich schließlich aufstand und mich im Brustton der Überzeugung der Frau zuwandte, ich wandte mich ihr zu und ich sagte zu ihr: „Na also hören sie mal. Sie können ihr Kind doch nicht derartig misshandeln! Ich werde die Polizei anrufen und das Jugendamt!“
Sie darauf: „Überhaupt nicht nötig! Wir sind vom deutschen Forschungszentrum für innerfamiliäre Gewalt und führen lediglich eine Studie durch, die Sozialcourage der Mitbürger im öffentlichen Personennahverkehr betreffend! Sie sind, wenn ich das sagen darf, was die Reaktionszeit betrifft im oberen Drittel einzuordnen. Sie können sich nun mit Fug und Recht ‚Aufmerksamer Bürger‘ nennen. Hier!“
Sie reichte mir einen Anstecker, auf dem „Aufmerksamer Bürger“ stand.
Ich nahm den Anstecker und warf ihn theatralisch zu Boden. „Selbst wenn“, schrie ich fast, „selbst wenn sie dieses hilflose Kind aus scheinbar edlen Motiven peinigen mögen, macht das noch längst nicht die seelischen Schäden wett, die es durch eine solche Behandlung erleiden wird!“
„Abermals herzlichen Glückwunsch!“ kreischte die Frau. Sie war aufgestanden und vor freudiger Erregung kaum noch zu halten, auch das Kind stand nun und grinste ein merkwürdiges Grinsen, als wolle es mir etwas verkaufen. „In Wirklichkeit sind wir überhaupt nicht vom Forschungszentrum für innerfamiliäre Gewalt. Tatsächlich kommen wir vom Institut für die Akzeptanz von Studien zur Gewaltprävention im öffentlichen Raum! Durch ihr feedback haben Sie ein großes Stück zur ethischeren Gestaltung unserer Arbeit beigetragen.“

Am Fognerplatz stieg ich verwirrt aus. Frau und Kind winkten mir noch aus dem Bus hinterher, als ich mich ratlos auf eine Parkbank setzte. Die nachmittägliche rush hour war gerade vorbei, Dunkelheit senkte sich über die Szenerie und es wurde kühl. Ich blieb trotzdem noch eine halbe Stunde sitzen und fror etwas vor mich hin. Gegen halb sieben kaufte ich mir eine Dose Bier und ging durch den Kracauerpark nach Hause. Die Dose warf ich kurz vor meiner Haustür auf den Boden, ich hörte sie hinter mir auf dem abschüssigen Bürgersteig wegrollen. Ich drehte mich nicht um.