Archiv für August 2014

Vogelmensch

Neben der Ortschaft, da wo die Einfamilienhäuser aufhörten, war ein kleiner Wald. Dem Wald vorgelagert ein Feld, zwanzig, dreißig Meter vielleicht, und davor eine Wiese mit einem Baum. Ahorn oder Kirsche, ich weiß nichts von Bäumen, was im Grunde ja Schade ist. Da stand unser Zelt, und vor dem Zelt saßen wir, auf Campingstühlen, dreizehnjährig, warme Biermixgetränke trinkend, um einen Grill herum. Die Biermixgetränke hatten wir im Supermarkt geklaut. Wie ein dicker, müder Mann legte sich langsam die Dunkelheit über die Szenerie.
Gegen halb zehn kam die Frau im Vogelkostüm. Es war kein billiges Kostüm, keines aus Plüsch, mit einem vom Schritt bis zur Kehle führenden Reißverschluss, es waren echte Federn daran, Gänsefedern wohl, so dicht und zahlreich, dass man nicht sagen konnte ob sie geklebt oder getackert waren, ein echtes Gefieder. Zum Kostüm gehörte ein Kappe, ebenfalls befiedert, die mit einem Lederband unter dem Kinn festgebunden war. Ein mittels Gummizug gehaltener Plastikschnabel (oder war es gar ein echter?) prangte im Gesicht. Die Gestalt kam aus dem Wald getreten, bahnte sich ihren Weg durch das Feld und stand uns schließlich entgegen. Die Glut des Grills war fast erloschen, und so schälte sie sich nur sehr langsam aus dem Zwielicht. Sie war relativ dick, ihr Alter wegen des Kostüms schwer schätzbar, Mitte vierzig vielleicht.
Sie war vollkommen betrunken. Das bemerkten wir sehr deutlich an ihrem Versuch, in die Knie zu gehen, um sich in hockender Position auf unsere Ebene zu begeben. Ständig kippte sie nach vorne oder hinten um, gab jedoch nicht so schnell auf und fiel wie ein wackeliger Stuhl immer wieder von der einen auf die andere Extremität. Als die Erkenntnis in ihr zu keimen schien, dass dieser erbärmliche Vorgang auch auf lange Sicht keine Früchte tragen würde, legte sie sich schließlich einfach der Länge nach hin, den Kopf auf einen Arm gestützt. Dabei murmelte sie unentwegt Undeutliches vor sich hin.
Verständlicherweise waren wir von der Situation heillos überfordert. Wir, dreizehnjährig, Biermixgetränke trinkend, besaßen nicht mal ansatzweise die Souveränität einen coolen Spruch zu bringen, oder den Vogelmenschen wenigstens nach seinem Wohlergehen zu fragen. Stattdessen glotzten wir die Frau nur an, sahen zu, wie sie eine Zigarette und ein Feuerzeug aus einer verborgenen Tasche ihres Anzugs fischte und bedächtig und in die Leere starrend rauchte, um sich anschließend auf den Rücken fallen zu lassen und einzuschlafen.

Unschlüssig schwiegen wir eine ganze Weile, vielleicht zwanzig Minuten, bis die Frau langsam zu schnarchen begann. Auf merkwürdige Art und Weise hatte sie uns den Abend verdorben. Wir waren da so stolz gesessen, dreizehnjährig, Biermixgetränke trinkend, am Grill, autonome Unternehmung, nicht nur räumliche Abgrenzung von den Eltern, die in den Einfamilienhäusern und Doppelhaushälften jenseits der Böschung schliefen. So ganz und gar groß waren wir uns vorgekommen, und dann kam der Vogelmensch aus dem Wald gewankt. Der Vogelmensch war der fleischliche Beweis dafür, dass wir lächerlich waren, pathetisch und kindlich. Das klingt erstmal komisch, entsprach aber der Wahrheit. Neben dem sturzbetrunkenen Wanken nachts im Wald (im Vogelkostüm) war unsere kleine Zusammenkunft so durchschnittlich, so deprimierend albern und langweilig. Unsere erste Begegnung mit der Eigenständigkeit, wie wir sie uns vorgestellt hatten, war geplatzt durch das Auftauchen von Jemandem, der uns wie eine laufende Verhöhnung unseres vorsischtigen Nippens an den Biermixgetränken erschien, fleischgewordener Spott auf unser kleines Event, weil dieser Jemand nun mal so verdammt vor Lebenserfahrung (wenn auch schlechter) zu strotzen schien. Hier war der Beweis, dass es offenbar Menschen gab, die nachts stockbetrunken in albernen Kostümen uneingeladen auf Grillpartys auftauchen und auf dem Boden einschlafen.
Was hatten wir dagegen? Nichts. Biermixgetränke.
Wir sind dann irgendwann ins Zelt gekrochen und am nächsten Morgen war das Geschöpf verschwunden. Für eine längere Zeit hatten wir gehörig die Nase voll vom Erwachsen-Spielen. Mein erstes richtiges Bier hab ich dann erst mit Siebzehn getrunken. Es war gut.