Archiv für Juli 2014

Hegel und Heuler

Meine Grundschule lag etwas außerhalb, im letzten Ring des Ubahnplans. Zwar wohnten wir relativ zentral, meine Eltern hatten sich jedoch, angeleitet von Kriterien, die sich einem Sechsjährigen nicht erschließen, gegen eine der zahlreichen innerstädtischen Schulen entschieden. Im Großen und Ganzen war ich damit recht zufrieden. Es gab allerdings einen Umstand, der mich jedesmal zur Weißglut trieb, und, heute bin ich mir sicher, bei mir eine erste entscheidende Sensibilisierung für die Ungerechtigkeiten des Lebens zu tage förderte.
Es war nämlich so, dass an der Pölzschule kein Pausenverkauf angeboten wurde, nur ein staubiger Getränkeautomat, der manchmal das Kleingeld dankbar schluckte, um dann für eine kurze Zeit geschäftige Geräusche von sich zu geben und anschließend, wie unschuldig pfeifend, ohne etwas herauszugeben wieder zur Ruhe kam. Wenn man, wie ich, aufgrund der Berufstätigkeit beider Elternteile nicht jeden Morgen eine kunstvoll komponierte Lunchbox mit auf den Weg bekam, sondern zwei Euro, dann blieben einem meistens nur Bäcker Hegel und Metzger Heuler.

Die zwei Geschäfte, in unmittelbarer Nähe des Schulgebäudes direkt nebeneinander gelegen, hatten neben einem muffigen Interieur und ungewaschen wirkendem Personal die Gemeinsamkeit, vollkommen unsensibel gegenüber dem finanziellen Potential zu sein, das der allmittägliche Schülerstrom für sie hätte bedeuten können. Dumm und dämlich verdienen hätten sie sich können an einer Art Pausenspezial, einer Auswahl fertig belegter Brötchen zum Beispiel, vielleicht verbilligt im Kombipaket mit einer Tüte Trinkschokolade oder einem Schokoriegel. Verdammt, wenigstens heiße Würstchen hätten sie anbieten können. Aber es gab keine Würstchen und schon gar kein Pausenspezial, denn Hegel und Heuler kooperierten nicht miteinander. Sie waren nicht verfeindet oder so etwas, es lag keine Fehde in der Luft. Sie sahen wohl einfach nicht die Notwendigkeit.
Wenn man nun ein belegtes Brötchen haben wollte, dann musste man zunächst zu Bäcker Hegel gehen, um sich dort eine Semmel zu kaufen, und anschließend „rüber zu Heuler“, um sie durch einen Belag zu ergänzen. Keinesfalls war es aber so, dass man der schlecht gelaunten Fachkraft das Gebäck bloß zu reichen brauchte, damit sie es aufschnitt und die gewünschte Wurstsorte hineinlegte. Ich hatte das mal angeregt, man war mir mit verständnislosem Ekel begegnet, wortlos reichte man mir die fest vertackerte Papiertüte mit fünf Scheiben Wurst darin über die Theke. Vor dem Laden, in der erbarmungslosen Kälte, beziehungsweise brütenden Hitze, musste man nun, den Ranzen zwischen die Beine geklemmt, das Brötchen aufreißen, wobei man natürlich alles vollkrümelte, die Metzgerstüte öffnen, den Belag herauspulen und ihn schließlich in das Brötchen stopfen. Zurück in der Schule setzte man sich dann erschöpft in den Pausenraum, manchmal mit einem Getränk, das hing von der Gunst des Automaten ab, denn an dem Ort, von dem man kam, suchte man nach Trinkbarem natürlich vergeblich.

Ob man Hegel und Heuler ihren fehlenden Geschäftssinn vorwerfen kann, weiß ich nicht. Das war für mich gar nicht das Problem an der Sache. Aus heutiger Perspektive macht mich eher ihre weltfremde Art so wütend, ihre alltägliche Verwunderung und ihr Ärger über die Massen kleiner Menschen in ihren Geschäften, so als gäbe es die Schule nicht schon seit 30 Jahren, als sei sie jedes neue Schuljahr gerade frisch eröffnet, als wären die Schüler nicht die Geschäftsgrundlage, sondern die Dörfler, die aber doch viel lieber mit ihren geräumigen Familienwagen zum Einkaufszentrum in den nächsten Ort fuhren.

Als ich in der vierten Klasse war, hat in der Parallelstraße eine Pizzeria aufgemacht, und bald aßen so gut wie alle dort. Mittags kostete die Pizza Margherita für Schüler nur 4 Euro. Was aus Heuler und Hegel wurde, weiß ich nicht. Ich weiß nur, dass ich ihnen nichts Schlechtes wünsche, leidglich dass sie irgendwann angekommen sind in der Welt, in der sie leben.