Archiv für April 2014

Der Künstler

Hin und wieder, in melancholischen Momenten, habe ich den Eindruck mein Leben ähnelt dem Werk eines drittklassigen Künstlers aus der deutschen Provinz.

Der Künstler wohnt in einer beschaulichen Ortschaft in unmittelbarer Nähe einer mittelkleinen deutschen Stadt, vielleicht Augsburg, vielleicht Lüneburg. Er ist im Ort als Original bekannt, wenn er durch die Straßen schlendert oder in einem Eiscafé auf dem von Fachwerk geprägten Marktplatz sitzt, dann grüßen ihn die Leute. Es ist eine touristisch geprägte Gegend, ein Wanderweg oder ein Strandbad zieht Menschen aus dem gesamten Bundesland an. Viele Besucher bleiben bei ihrem anschließenden Stadtbummel vor der kleinen Galerie des Künstlers stehen, sehen sich seine Werke an, und manchmal, wenn sie finden, ein bestimmtes Bild würde sich über dem Bett gut machen oder ausgezeichnet zu den Fliesen im Bad passen, dann kaufen sie eines. In kleineren Formaten kosten sie 150-200 Euro, die teuren gehen hinauf bis in den fast vierstelligen Bereich. So eines kauft aber fast nie jemand. Der Künstler wohnt in einer Eigentumswohnung über seiner Galerie, und um über die Runden zu kommen hilft er manchmal in der Kulturscheune, einem alternativen Veranstaltungszentrum, an der Theke aus.
Er malt meist Szenen aus dem ländlichen Leben, eine Katze, die um die Ecke einer Scheune lugt, einen Bauer auf dem Bock seines Traktors. Einige abstrakte Werke sind auch dabei, sie heißen Kleine Sonne oder Blaues Wunder. Seine Werke sind, ich kann das schlecht beschreiben, eindimensional. Sie zeigen was sie zeigen, aber sie weisen nicht über sich selbst hinaus. Man könnte sie als Kitsch bezeichnen, aber das wird ihnen nicht hundertprozentig gerecht. Wie viele schlechte Künstler fühlt er sich missverstanden. Er denkt, es gäbe etwas an seinen Werken, das die meisten übersehen, etwas, das in die Tiefe weist. Aber diese Tiefe, die zweite Dimension, die gibt es nicht. Auch beim tausendsten Blick tut sie sich nicht auf.

Und wenn ich mir all das vorstelle, dann muss ich unwillkürlich daran denken wie ich mir selbst hin und wieder durchsichtig und oberflächlich, seicht und vereinfacht, wie ein Blatt Kopierpapier vorkomme. Die Tiefe beschwörend verharre ich wie ich bin, das farbenfrohe aber nichtssagende Bild eines drittklassigen Künstlers aus der deutschen Provinz.

Der fleischigste der Typen

Wir saßen im Rosenbusch, direkt an der Ems. Die Entscheidung war uns nicht schwer gefallen. Es gibt das Viscardi, das Franzens, den Bratwurstkeller und den Rosenbusch. Sowohl das Viscardi wie auch das Franzens sind für einen verspäteten Lunch, wie wir einen einnehmen wollten, nicht geeignet. Einander gegenüber im kleinen Szeneviertel gelegen sind beide Orte Stammlokale affektierter Wichser, die wissen wie die Designer ihrer Muskatreiben heißen. Das kann für einen Aperitif vor dem Ausgehen nett sein, aber wenn man keine Lust auf Atmosphäre hat und lediglich einen exzellenten Teller Schinkennudeln essen möchte, dann geht man nicht ins Viscardi, nicht ins Franzens, und schon gar nicht in den Bratwurstkeller, sondern man geht in den Rosenbusch.
Die Ems plätscherte also vor sich hin und wir hatten uns auf angenehme Art und Weise nichts zu sagen. Am Nebentisch saß eine kleine Gruppe deplatziert wirkender, fleischiger Typen. Der fleischigste der Typen löffelte sich den letzten Rest seiner Zuchinicremesuppe in den Schlund, lehnte sich zufrieden zurück, blickte lächelnd seine fleischigen Kumpanen an und dann sagte er, offensichtlich ein vor unserer Ankunft begonnenes Gespräch fortführend: „1500 verschiedene Wurstsorten. Und sie sind rechtlich verpflichtet immer alle vorrätig zu haben.“ Er blickte triumphierend in die Runde und sich vorbeugend wiederholte er verschwörerisch: „1500 verschiedene Wurstsorten!“
Mich interessierte der Fortgang der Unterhaltung wirklich brennend, aber Merle hatte sich entschieden, gerade jetzt, in diesem Moment, Björns unmögliches Verhalten beim letzten Lesekreis zu thematisieren. Eine Weile versuchte ich noch, lächelnd und nickend Aufmerksamkeit vorzutäuschen und mich gleichzeitig weiter auf das Wurstgespräch zu konzentrieren. Merles Stimme ist aber wie ein ganz leiser, angenehmer Presslufthammer: Man entkommt ihr nicht.
Die Sache mit den Wurstsorten war dann, traurig aber wahr, auch schon der Höhepunkt meines Tages gewesen. Wir haben dann noch bei Medien-Schölzel den neuen Edouardo Fruchtigmann ausgeliehen, waren aber recht schnell zu der bitteren, offensichtlich lang schon verdrängten Erkenntnis gelangt, dass der ehemals geniale Fruchtigmann seit zehn Jahren die gleichen Filme macht und dass nach Daydream Baby auch eigentlich nichts Interessantes mehr gekommen war.
Kurz vor dem Einschlafen, neben der asthmatisch röchelnden Merle, dachte ich daran wie gerne ich derjenige wäre, der sicherstellt, dass immer 1500 verschiedene Wurstsorten vorrätig sind. Diesen Job, so dachte ich, würde ich mit Kusshand gegen mein jetziges Leben eintauschen, und alle Fruchtigmann-Filme seit Daydream Baby gäbe es gratis dazu.