Archiv für März 2014

Kapitän Ungut (9)

KapitaenUngut9

Der Spind

Ich hatte den Wagen drei Straßen entfernt geparkt und schlich nun über den Sportplatz auf das Schulgelände.
Auf einer dubiosen Internetseite hatte ich mir einen dieser Glasschneider gekauft, die man aus Agentenfilmen kennt. Mit seiner Hilfe würde ich in das Innere der Schule gelangen. Wenn man irgendwo einbrechen möchte, wie ich es tun wollte, dann nähert man sich einem Erdgeschossfenster und setzt den Glasschneider auf die Scheibe, wo er sich per Napf festsaugt. Dann schneidet man mittels eines zirkelartigen metallenen Armes mit diamantener Spitze ein kreisrundes Loch heraus. Den entstandenen, handtellergroßen, gläsernen Diskus zieht man anschließend heraus, greift durch das entstandene Loch und öffnet das Fenster. So gelangte ich vom Westflügel her in das Gebäude. Mit gezückter Taschenlampe schlich ich durch die Gänge.

Ich hatte etwas zu erledigen. Jemand würde büßen. Der Plan war entstanden als Castor, mein Sohn, wieder einmal in Tränen aufgelöst von der Schule gekommen war. Gregor und seine Bande hatten ihn vor dem Erdkundezimmer in eine Landkarte der Dominikanischen Republik eingerollt und anschließend in einen Mülleimer gestellt so dass sich Castor nicht mehr bewegen konnte. Am Tag zuvor hatten sie ihm Johannisbeermarmelade in den Schulranzen geschüttet, die Wohnung riecht heute noch danach. Dies war der Tag der Abrechnung, der Beginn einer neuen Zeit.
Ich würde in Gregors Spind scheißen. Behutsam führte ich einen Schraubenzieher in den Türschlitz des metallenen Schrankes mit der Nummer 236 ein und schlug mit einem Hammer kurz und heftig auf dessen Griff. Es knallte, ein ohrenbetäubender Krach. Kurz hielt ich inne und lauschte, dann schritt ich zur Tat und hängte meinen Hintern in die schmale Öffnung.
Drei Tage hatte ich mich nicht entleert, und doch ist es nicht einfach für den Körper, die gesellschaftlich antrainierten Gewohnheiten einfach außer Acht zu lassen: Man scheißt eigentlich nicht in einen Spind, und der Körper weiß das. Während ich dort saß und verzweifelt versuchte, meine Schleusen zu öffnen, fragte ich mich, wie diese Skater auf MTV das nur machten: Einfach irgendwem in die Mikrowelle scheißen. Das erfordert hartes Training, immense Konzentration und ausgeprägte Willensstärke. Und während ich noch dergestalt sinnierte, kam alles heraus. Ich schiss alles voll, es perlte und tropfte, rann und floß, spritzte, sprudelte und schoß nur so heraus.
Große Genugtuung machte sich breit.

Gerade einmal eine halbe Stunde später saß ich rauchend auf meiner Veranda und ergötzte mich an der wiederhergestellten Gerechtigkeit. Tausend mal ließ ich Gregor in meinem Kopf an seinen Spind treten, und tausendmal ließ ich ihn fassungslos auf den durchgeweichten, stinkenden Haufen Brei starren, der mal seine Bücher und Hefte gewesen waren.
Es würde noch eine halbe Stunde dauern, bis ich schließlich realisierte, dass mein Rucksack noch in der Schule lag. Mein Rucksack, in dem nicht nur das Werkzeug, sondern auch das Portemonnaie mit meinem Ausweis war. Jetzt aber saß ich noch da, hatte mir ein Bier geöffnet, und sah vom Jochensberg hinunter auf das schlafende Baden-Baden.