Archiv für Dezember 2013

Das Ende eines Traums

Endlich war der der große Tag gekommen. Auf der Spendengala zugunsten der kriegsgeschädigten Minenspürhunde sollte meine Komposition Kleine Nachtmusik für ein Spinett und 47 Trompeten ihre Uraufführung erfahren. Herr Hundtheim hatte sich freundlicherweise bereit erklärt, die musikalische Leitung zu übernehmen. Nervös schritt ich durch die sich im Raum befindlichen, ihre Instrumente putzenden Trompeter.
Doch wo war der Spinettist?
„Um halb sieben in der Villa Jugendheim“, hatte ich dem jungen Mann vor der in Spinettistenkreisen einschlägig bekannten Spelunke Oberton zugeraunt und ihm einige Scheine in die Hand gegeben. „Die zweite Hälfte gibt es nach getaner Arbeit“, fügte ich hinzu.
Er sah hungrig aus. Zitternd hatte er den Kragen seines zerschlissenen Mantels enger um seinen dürren Hals geschlungen und seine knochigen Hände samt der Scheine in den geräumigen Taschen seines Gewands verschwinden lassen. Dann nickte er. Und nun verspätete er sich. Ob er die erste Rate seiner Gage bereits versoffen hatte und in irgendeinem Straßengraben dem Kältetod entgegenfror?
Was für eine unfassbare Ungerechtigkeit! Es sollte mein Tag werden. Mein großer Tag.
Ich hatte es mir doch schon tausendfach ausgemalt: Alle starren wie gebannt auf das Ensemble, das sich zu immer neuen Höhenflügen aufschwingt. Nachdem der letzte Ton erklungen ist und die Energie des gerade Gehörten noch im Raum nachschwingt wie ein Gummiband, herrscht für einen kurzen Moment Stille. Und dann stehende Ovationen. Blumen, Präsente, Champagner. „Ein großer Wurf“, haucht mir Frau von Zystrow-Brauchenfeld zu und nestelt ganz erregt an ihrer geschmackvollen Halskette herum.
Endlich, endlich werde ich von Dr. Seggenhundt zu seinem legendären musikalischen Salon eingeladen, und da sitzen wir dann, ich und alle grauen Eminenzen der Wiesbadener Musikszene und wir tauschen Klatsch und Tratsch aus über Jakob Kluppern, das Oboenwunderkind aus dem Münsterland, oder darüber, ob man ins Taktstock noch gehen kann oder ob da inzwischen nur noch Perkussions-Proleten herumhängen.

Aber der Spinettist kam nicht. Und so sitze ich also hier, im Taktstock. Die Perkussionisten trommeln sich mit Asia-Stäbchen gegenseitig ihre neuesten Ideen vor und lachen dabei dreckig, diese niveaulosen Schweine. Ich kann das alles nicht mehr. Wenn ihr das nächste Mal eine Komposition braucht, ruft mich bloß nicht an. Ich mache keine Geburtstagsfeiern mehr, und auch keine Hochzeiten.
Ich bin durch mit dem Scheiß.