Archiv für November 2013

Die Hölderlin-Passagen

Während meiner Zeit als Doktorand an der Tübinger Eberhard-Naumann-Universität verarschte ich Dienstags immer Kaufhausdetektive.
Dies war mir zu einer lieben Beschäftigung geworden. Meistens ging ich dafür ins City-Einkaufszentrum, manchmal aber auch in die Hölderlin-Passagen. Ich hatte meine Strategie über die Zeit hinweg immer mehr verfeinert: Zuerst betrat ich stets ein Geschäft und hielt nach Kaufhausdetektiven Ausschau. Das war eigentlich schon der schwierigste Teil, wenn ich einen gefunden hatte war der Rest im Grunde nichts als ein Kinderspiel. Nun fragen sie sich: Wie erkennt man eigentlich einen Kaufhausdetektiv? Nun, im Grunde ist es einfach. Man erkennt sie an dem glasigen Blick, mit dem sie die dargebotenen Waren mustern. Es ist kein Betrachten, sondern ein Starren, gleichzeitig oberflächlich und durchdringend. In der Vortäuschung von Versunkenheit liegt für sie das Potenzial, mit schnellen Blicken nach links und rechts verdächtige Personen zu erspähen. Attribute wie Funktionskleidung, kleine, um den Bauch geschnallte Ledertaschen oder „Kassenbrillen“ sind als Erkennungsmerkmale mehr und mehr untauglich geworden, denn einerseits schritt der gesellschaftliche Trend zu stilloser Kleidung in breiter Front voran, andererseits lebten auch die Detektive nicht hinterm Mond: Es waren Rastaträger unter ihnen, Punks mit Ratten auf der Schulter, Mittfünfziger in Barbourjacken mit Aktentaschen und leise Selbstgespräche führende Greise.
Kurzum. Ich stellte mich also jedes Mal in die unmittelbare Nähe des Starrenden und stopfte mir mit verschwörerischem Blick die Taschen voll. Ich ließ meine Augen nervös flackern und meine Hände zittern, ich bugsierte Produkt um Produkt in meinen nur für diesen Anlass reservierten, verbeulten Parka hinein. Sobald ich mir der Aufmerksamkeit des berufsmäßigen Denunzianten sicher sein konnte, begann eine kurze Jagd durch das Geschäft, agil schlüpfte ich um Ecken, duckte mich unter Tiefkühltruhen und verschwand hinter Zeitungsständern. In unbeobachteten Momenten legte ich die entwendeten Produkte Stück für Stück zurück in die Regale. Nun begab ich mich gewissermaßen schuldlos zur Kasse und kaufte einen Schokoriegel oder einen Kaugummi, ein Feuerzeug oder ein billiges Magazin.
Und nun kam es jedesmal zum großen Finale: Der Detektiv trat auf den Plan, mit stolzgeschwellter Brust. Sein Gesicht schien stets von Innen zu strahlen vor Selbstzufriedenheit.
Wir schritten dann zur Entleerung meiner Taschen, aber nichts war darin.
Meistens wurden sie sehr wütend, manchmal verständigten sie sogar die Polizei. Stets jedoch verließ ich vergnügt pfeifend als freier Mann das Geschäft, den Ammerkanal über die krumme Brücke überquerend, und erfreute mich angesichts der fassungslosen Blicke des Detektivs, die ich in meinem Rücken spüren konnte, bis ich in der Jardinigasse verschwand.