Archiv für Oktober 2013

Das Gefäß

Im September letzten Jahres war mein Leben aus den Fugen geraten. Ich hatte meinen Fokus verloren und fühlte mich dumm und einsam zwischen Leuten, die alles immer sofort kapierten, kreative Ideen hatten und viele nette Läden kannten, in denen man sich auf ein Bierchen treffen konnte.
Es war einer dieser Abende und ich saß in meiner kleinen Wohnung. Ich war äußerst verschleimt, der Schleim befand sich in allen Gängen und Röhren meines Kopfes, verstopfte jedes Gefäß, umhüllte jeden klaren Gedanken, um ihn zum Stillhalten zu zwingen. Als ob das noch nicht genug gewesen wäre, musste ich dringend auf die Toilette.
Eine gewisse Brisanz erhielt die Situation jedoch erst dadurch, dass kein Toilettenpapier im Haus war. Kein Toilettenpapier, keine Taschentücher, keine Küchenrolle. Nicht mal ein altes Geschirrtuch. Die hatte alle Mirko bei seinem Auszug mitgenommen. Kein Gefäß also, in das ich meine Körperflüssigkeiten hätte leiten können. Der Schleim und die Exkremente waren gewissermaßen in mir eingeschlossen, sie konnten nicht hinaus und machten sich unangenehm bemerkbar.
„Genug ist genug“, dachte ich, sprang auf, riß meine Übergangsjacke und meinen Jutebeutel vom Haken, verließ das Haus und trat hinaus auf die Straße.
Nun lebte ich zwar in einer großen Stadt, leider handelte es sich jedoch nicht um eine solche, in der an jeder Ecke kleine Kioske mit missmutigen, uralten Besitzern Bier, Zigaretten und Haushaltsartikel feilboten. Ich betrat also stattdessen das „Bei Ulli und Petra“ und bahnte mir den Weg durch schwitzende Alkoholikerleiber in Richtung Toilette. Ich hatte vor, soviel Papier wie nur irgend möglich zu entwenden, um diesen grässlichen Ort verlassen und zu Hause in Ruhe scheißen und mich schnäuzen zu können. Am Ziel angekommen hielt jedoch Ernüchterung Einzug. Das Toilettenpapier war nicht in einzelnen Rollen dargeboten, sondern befand sich in Form eines einzigen, überdimensionierten Konglomerats in einer metallenen, abschließbaren Trommel. Ich begann also, an dem heraushängenden Fetzen zu ziehen. Mit der einen Hand hielt ich den Jutebeutel geöffnet, mit der anderen rollte ich das Papier ab, direkt in mein umweltfreundliches Behältnis hinein. Als ich es bis obenhin vollgestopft hatte, verließ ich den kleinen, stinkenden Raum.
„Das ist der absolute Tiefpunkt meines Lebens bis jetzt.“ Dachte ich.
„Genau der richtige Zeitpunkt also“, so dachte ich weiter, „um ein großes Glas billigen Schnapses zu trinken.“
So stand ich also an der Bar, trank einen Wodka und dann noch einen und dachte an gar nichts, bis ich bemerkte, dass aus meinem Jutebeutel ein Streifen Klopapier heraushing, der bis zum Boden reichte.
Und da sah ich sie. Sie wirkte in ihrer Fragilität seltsam deplatziert in diesem dreckigen Loch, und sie blickte belustigt auf das Zeugnis meiner Erbärmlichkeit. Mit hochrotem Kopf wollte ich mich schon wegdrehen, doch mein Blick fiel zufällig auf ihre Tasche. Auch sie trug einen Jutebeutel, und auch ihrer war prall gefüllt mit Toilettenpapier.

Das war schon die ganze Geschichte. So war Melissa in mein Leben gekommen.