Archiv für August 2013

Waldmeister

Daniel betritt das Gasthaus, eine Banane essend. Er steht ganz offensichtlich unter Drogeneinfluss. Wer sich ein bisschen auskennt, kann erkennen, dass es sich um Cannabis handelt. Er schlendert grinsend zwischen den Tischen umher, blickt den Menschen länger als eigentlich gesellschaftlich akzeptabel in die Augen und kommt schließlich vor der Kuchenvitrine zum Stehen. Ich stand bis zu diesem Moment noch hinter der Theke und trocknete Teller ab, nun lege ich das Geschirrtuch aus der Hand und durchquere den Gastraum, um mich dezent hinter Daniel zu stellen.

Daniel: „Dieser Kuchen sieht ja mal einfach nur abgefuckt surreal aus, Mann.“

Ich: „Daniel. Bitte.“

Daniel: „Dieser Kuchen hier ist grün, Mann. Was für ein kranker Shit.“

Ich: „Ja, Daniel. Das ist ein Waldmeisterkuchen. Du solltest jetzt vielleicht gehen.“

Daniels Blick ist noch auf den Kuchen gerichtet, tatsächlich handelt es sich jedoch eher um ein apathisches Starren. Geistesverloren zieht er das letzte Stück Banane aus der Schale, steckt es sich in den Mund und legt die Schale dann auf die Kuchenvitrine. Er tritt hinaus auf die Sonnenterasse, ich folge ihm auf dem Fuß. Aus seiner Tasche zieht Daniel jetzt so eine furchtbare runde Sonnenbrille mit ganz dünnem Rand und setzt sie sich auf. Mit royalem Gestus winkt er breit lächelnd den auf der Terasse sitzenden Gästen zu, die irritiert versuchen woanders hinzuschauen. Ich packe ihn an seiner schrecklichen bunten Jacke und versuche, ihn zurück in Richtung Ausgang zu zerren.

Ich: „Du gehst jetzt, Daniel.“

Daniel: „Jetzt wo es gerade so verdammt witzig war. Darf ich wenigstens was von dem Kuchen mitnehmen?“

Ich: „Wenn du hier ruhig sitzen bleibst, bring ich dir was raus. Lass das liegen, das ist wertvoll.“

Hastig jogge ich nach drinnen und bugsiere ein Stück Waldmeisterkuchen in eine Tupperbox. Die bringe ich Daniel nach draußen und drücke sie ihm in die Hand. Jetzt steht er auf und trottet ohne sich noch einmal umzudrehen die Kantstraße hinunter. Nach circa 50 Metern öffnet er die Box, holt den Kuchen hervor und beißt ein großes Stück ab. Die Hälfte des Rests fällt zu Boden. Daniel bleibt stehen und legt den unförmigen Batzen, der noch übrig ist, zurück in das Behältnis. Ratlos blickt er auf seine verschmierten Finger.
Das ist der Zeitpunkt, zu dem ich mich umdrehe und wieder reingehe, weil ich Daniels Erbärmlichkeit einfach nicht mehr ertragen kann.

Siemens

Eines Morgens war ich plötzlich Chef von Siemens. Der alte Vorstandsvorsitzende war zurückgetreten wegen irgendeiner Sache, schlechte Führung oder Korruption. Ich hatte das nur mal am Rande in der Nachrichtenspalte meines Messenger-Systems gesehen. Und jetzt stand da mein Name in den Schlagzeilen. Die meisten Artikel zitierten den Vorstand dahingehend, man habe sich diesmal für einen outsider entschieden, jemanden, der keinesfalls Teil jener Seilschaften sein könne, die die gegenwärtigen Probleme des Konzerns ja erst verursacht hätten. Das war ihnen gelungen. Einen größeren outsider hätten sie gar nicht finden können.
Ich arbeitete zu dieser Zeit als freier Künstler und machte hauptsächlich diese Skulpturen, die in der Mitte von Kreisverkehren stehen. Sowohl ich, als auch das Umfeld, in dem ich mich bewegte, stand der Sphäre der Ökonomie kritisch gegenüber, ja wir hielten sie gar für den Ursprung aller Missstände. Ich wusste nicht viel vom Wirtschaften, war nach der Schule lange durch Südamerika gereist und hatte anschließend ein Lehramtsstudium für das Fach Kunst an der Berufsoberschule Wentzheim begonnen. Als selbstständiger, junger Künstler war ich nach dem Studium durch lange Perioden der finanziellen Not gegangen und konnte mir schließlich nach mehreren Jahren der fieberhaften Produktivität ein gewisses Rennomee im südhessischen Raum erarbeiten. Kennen sie den „schreitenden Eber“ vor der Technischen Universität Helmsberg? Das ist zum Beispiel von mir.
Kurzum, meine Berührungen mit dem Unternehmertum waren bisher eher aus Notwendigkeit als durch Hingabe zustande gekommen. Meine diesbezüglichen Fähigkeiten beschränkten sich auf das Erstellen meiner Steuererklärung sowie den Einkauf von Künstlerbedarf. Trotzdem dachte ich mir: „Fahr halt mal hin, vielleicht liegt’s dir ja.“
Und nur wenig später stand ich dort, vor der Siemens-Firmenzentrale in München, und schüttelte die Hand eines angenehm riechenden Mannes.
Und dann ging alles ganz schnell. Existenzen zerstören. Mehr ist es ja nicht. Jeden Tag saß ich in meinem Büro im 297. Stock des Siemens-Hochhauses und hab Existenzen zerstört und Schicksale besiegelt. Eine Unterschrift hier, eine Unterschrift dort. Leute mit Kindern.
Nur noch ganz selten bin ich runter in den Keller gegangen und habe an einer Skulptur geschweißt. Meine alten Freunde vom Künstlerkreis „unARTig“ gingen auf Distanz zu mir, saßen im „C‘est la vie“ und blickten schweigend und kopfschüttelnd in ihre Ingwerlimonaden, fragten sich im Stillen was Geld nur aus den Menschen macht.
Wer kann’s ihnen verübeln? Ich hab mich selbst gehasst. Und tue es noch.

Kapitän Ungut (6)

Ich für meinen Teil kann mit Rechtsklick und „View Image“ das Bild enorm vergrößern. Strg und +/- geht auch.

KapitaenUngut6