Archiv für Juli 2013

Lieber Anselm

Lieber Anselm,

es ist ja nun schon drei Wochen her. Ich hoffe, deinem Fuß geht es besser und Lotta muss sich nicht mehr ständig übergeben wegen der Gehirnerschütterung. Ich wollte noch Einiges klarstellen, über das wir in all dem Chaos nicht die Zeit hatten zu sprechen.
Zuerst will ich aber sagen, dass ich mich nicht entschuldigen werde. Es ist nach der Sache mit dem Rasenmäher so gewesen und auch nach Marios Unfall mit dem Poliergerät: Immer war ich es, der auf wundersame Weise den schwarzen Peter zugeschoben bekam. Weder habe ich falsches Benzin in den Mäher gefüllt, noch in aller Heimlichkeit an diesem spießigen Gerät herumlaboriert. Und ich glaube, dass du im Stillen weißt wer es war, genau wie ich. Und trotzdem hab ich mich entschuldigt. Ich weiß eigentlich gar nicht so genau warum. Ich bin ein harmoniebedürftiger Mensch. Vielleicht war es mir zu dieser Zeit wichtiger, den Hausfrieden zu erhalten, als schon wieder eine ermüdende Diskussion über Marios Rolle in deinem Leben führen zu müssen. Aber diesmal nicht. Auch deshalb, weil es sich nicht um eine Lappalie handelt.
Deswegen hier die Wahrheit: Ich habe die Leiter nicht umgestoßen. Ganz einfach. Als es passiert war, und du da hingst, mit einem Bein in der zugefallenen Dachbodenklappe festhängend, schreiend vor Schmerz, da habe ich in Marios Gesicht gesehen und ein manisches Funkeln darin entdeckt. Natürlich wirst du alles auf meine Psychosen schieben, wie du es immer getan hast. Aber es ist wahr. Und dass ich bei dem Versuch, die Leiter wieder aufzustellen, Lotta damit ohnmächtig geschlagen habe, trägt natürlich nicht zum Vertrauen deinerseits bei, das ist mir schon klar. Die Wahrheit ist aber, dass sie plötzlich hinter mir stand, ohne dass ich sie kommen gehört habe. Wie Kinder halt sind.
Und verdammt, ich habe deinen blöden Leguan nicht angerührt. Warum in aller Welt hätte ich mich, nachts, nachdem du mich rausgeschmissen hattest, ins Haus schleichen sollen, um dieses pathetische Tier mit pinkem Edding vollzuschmieren? Ich habe auch nicht in deinen Briefkasten geschissen.
Ich hoffe wir können über alles noch mal in Ruhe sprechen, wenn wir uns nächste Woche in Chemnitz sehen.
Du kommst doch?

dein Freund
Anton

Wer dankt mir mein Martyrium?

Kreativfabrik. Kunstraum. Medienlabor. Was für ein Ort.
Alle hatten Spaß und schufen permanent Neues. In der Mitte des Raumes befand sich ein Pool, in dem kleine dickliche Tierchen unbeholfen umherpaddelten. Die junge Kunst- und Medienelite saß auf improvisierten Sitzgelegenheiten um das Bassin herum und betrachtete das Geschehen belustigt.
Ich hatte mir einen Tomatensaft eingeschenkt, ein wenig Geld in die Spendendose geworfen und ging nun etwas unschlüssig auf das Spektakel zu. Obwohl ich wegen meiner stehenden Position alle überragte, kam ich mir vor, als würde ich in der zweiten Reihe stehen, wie jemand, der über die Schultern einer Menschenmenge hinweg versucht, einen Blick auf den Mittelpunkt des Interesses zu erhaschen. Eines der pelzigen Geschöpfe hatte es geschafft, den Rand des Pools zu erklimmen und lag nun nach Atem ringend im Raum.
Das Fell tropfte und die kleinen Augen schlossen sich unentwegt vor lauter Erschöpfung.
Elena streckte ihr Bein aus und schubste das Wesen zurück ins Wasser, wo es noch eine Weile auf der Stelle strampelte und schließlich unterging.
Unglaublich, mit welcher Beiläufigkeit sie ein Schicksal besiegelt hatte. Sie lachte noch und strich sich eine Strähne aus dem Gesicht.
Auf ein an die kahle Backsteinwand genageltes Bettlaken wurde Unaussprechliches projiziert, die abgespielte Musik war der Asynchronität verpflichtet.

Ich ging früh und schlenderte am Reigenbach entlang nach Hause. Dass dieses erbärmliche, stinkende Rinnsal in dieser Stadt als Höhepunkt der landschaftlichen Sehenswürdigkeiten gefeiert wurde, war mir stets ein Rätsel geblieben.

Am nächsten Tag war in der Zeitung zu lesen, dass die Staatspolizei eine subversive Künstlerzelle ausgehoben habe. Den Angehörigen des Zusammenschlusses drohen nun langjährige Gefängnisstrafen. Wäre ich länger geblieben, säße ich jetzt genauso in Untersuchungshaft wie Elena und die anderen. Was für eine Vorstellung! Ich hatte mich der Gruppe zu keinem Zeitpunkt wirklich zugehörig gefühlt, hauptsächlich weil ich dort auch nie so richtig willkommen gewesen war. Mein Mangel an sozialem und symbolischem Kapital machte mich zum Aussenseiter. Trotzdem war ihre Anziehungskraft enorm gewesen und hatte mich Donnerstag für Donnerstag an verruchten, geheimen Orten Tomatensaft schlürfen lassen. Ich hatte darunter gelitten nichts zu begreifen, dabeizustehen während Prozesse von unerhörter Wichtigkeit vor sich gingen.

Ich werde jedenfalls keinen Beschwerdebrief schreiben oder mich zur Mittäterschaft bekennen, denn: Wer dankt mir mein Martyrium?