Archiv für Juni 2013

Menschwerdung

Diesen Sommer sind all meine Freunde mit Menschwerdung beschäftigt. Sie kommen in unsere Wohngemeinschaft, setzen sich auf unser Sofa und erzählen von den unterschiedlichen Stationen, die sie im Laufe dieses Prozesses schon abgegangen sind.
Beim Menschwerden geht es unter anderem darum, möglichst weite Reisen mit möglichst kleinem Budget in möglichst viele, möglichst weit entfernte Länder zu unternehmen. Man muss dann mit den dort Wohnenden billigen Alkohol trinken und dann mit ihnen darüber reden wie das Leben im betreffenden Land so ist. In der restlichen Zeit steigt man auf unerhört steile Berge, besichtigt Denkmäler, wandert stundenlang ziellos in Städten herum oder fährt zwanzig Stunden Zug. Letztlich geht es immer darum andere Kulturen kennenzulernen und etwas von der Welt zu sehen. Das ist jetzt schon ein wichtiger Teil jener Vorstellung von Menschwerdung, wie sie in dem gesellschaftlichen Kontext, in dem ich sozialisiert wurde, vorherrscht. Zum Menschwerden gehört aber auch, sich ein kleines motorisiertes Gefährt zu kaufen (am besten aus zweiter Hand), das sehr laut ist und sehr langsam fährt. Diese Gefährte sind ein Symbol der Unabhängigkeit, sowohl von den Eltern, wie auch vom öffentlichen Personennahverkehr.

Die Elite der Menschwerdung suhlt sich in Selbstständigkeitsfantasien, konstruiert mithilfe popkultureller Schemata.
Man ist ausgezogen und residiert in vom Cannabisrauch verdunkelten Wohnungen. Man trinkt sehr viel Alkohol. Es ist aber nicht das Trinkverhalten der Fünfzehn-und Sechzehnjährigen. Man trinkt nicht, um zu imponieren. Das Trinken ist vielmehr zu einer Routine geworden, man bemerkt die leeren Flaschen bald nicht mal mehr, die sich, aufgetürmt in Umzugskartons, in den Ecken der unaufgeräumten Küchen stapeln.
Die Lebensentwürfe kommen und gehen in schnellem Takt. Man kann sie richtig zerplatzen hören und dann zusehen, wie neue wachsen. Und ich tue derlei nicht schmunzelnd oder amüsiert, sondern im Gefühl aufrichtiger Angst nicht hinterherzukommen. Am Ende sind schon alle Menschen, und ich sitze immer noch in meinem WG-Zimmer und mache eine Collage aus alten Süddeutsche Zeitung Magazinen. Oder betrinke mich ohne Anlass. Oder gründe eine Band.
Was dann?