Archiv für Mai 2013

Eine Naturgeschichte ohne Kulturkritik

Der Berggasthof Konrad war ein Ort, der von Durchlauf geprägt war. Die Menschen wanderten den Hirstberg hinauf und tranken hier ein Erfrischungsgetränk und aßen eine Speckkartoffel, eine Spinatrolle oder einen Pastinakenstrudel. Dann bezahlten sie und machten sich an den Abstieg, von dem immer alle behaupten, er wäre viel anstrengender als der Aufstieg, was schlichtweg nicht der Wahrheit entspricht. Die runden Tische auf der Terrasse waren mit karierten Plastiktischtüchern abgedeckt, jeweils befestigt mit vier weißen Plastikklammern. Sobald eine Gästegruppe fertig gespeist und den Gasthof durch den Schankraum wieder verlassen hatte, wurden die Tischtücher von den Bedienungen mit einem feuchten Schwamm abgewischt, was sie, auch wenn es ganz leer war und kein Grund zur Eile bestand, mit der hektischen Betriebsamkeit eines Menschen erledigten, der schon viele Jahre in der Gastronomie beschäftigt ist.
All das beobachtete ich und fand es um einiges interessanter als die Aussicht auf das Kränztal. Unten, im Kränztal, führten die Bergbauern gerade ihre Tiere zurück zum Stall und wurden dabei von den jenseits der Elektrozäune stehenden Großstädtern angeglotzt. Ihre Kinder, die die Großstädter an den Händen hielten, hatten vom Schokoladeneis verschmierte Münder. Sie dachten im Stillen schon daran, später, im Auto, auf den Smartphones ihrer Eltern Spiele mit kleinen, dicken, bunten Tieren und simplen Aufgabenstellungen zu spielen.
Das dachte ich und hatte dabei keinerlei Kulturkritik im Sinn. Es wäre mir nicht im Traum eingefallen, den schokoladenverschmierten Großstadtkindern vorzuwerfen, dass sie das authentische Naturerlebnis, das ihnen widerfuhr, nicht wertzuschätzen wussten. Ich wusste noch genau, wie ich selbst von meinen Eltern gezwungen wurde, vermutlich zurecht grießgrämige Bergbauern anzuglotzen und steile Berge hochzugehen. Alles war dann immer viel anstrengender als man es sich vorgestellt hatte. Zuerst schwoll einem wegen diverser Allergien der Hals vollkommen zu, mit quietschender Atmung und gebeugtem Kopf ist man den Berg hinaufgelaufen, im Stillen eigentlich immer dem Gasthof und somit dem Schokoladeneis entgegen. Und dann musste man sich immer mit dem speckigen Sohn des Berggasthofbesitzers sozialisieren, weil die Eltern fanden, dass das doch ganz herzallerliebst ist, wenn sich zwei verstehen, die so verschieden sind. Sie hielten das für Weltoffenheit, tatsächlich war es jedoch nichts weiter als die vermeintliche Aufarbeitung ihrer bürgerlichen Arroganz gegenüber der Landbevölkerung.
Ich trank meine Johannisbeersaftschorle aus und blickte ratlos auf das letzte Stück meines Pastinakenstrudels.
Im Grunde hielt ich das alles für reaktionär, konnte mir aber ebensowenig die Frage beantworten, warum ich eigentlich selbst hier war. Nachdem die Rechnung bezahlt war, nahm ich mein eigenes schokoladenverschmiertes Kind an die Hand, und machte mich an den Abstieg.

Kapitän Ungut (5)

KapitaenUngut5

Die kulinarische Überraschung

Auf der Einladungskarte, die ich erhalten hatte, war nicht nur ein „unvergesslicher Abend“ versprochen worden, sondern vor allem diverse „kulinarische Überraschungen“. Ich esse gerne viel und gut und würde mich ganz ohne unzulässige Übertreibung vielleicht nicht als Spezialisten, auf jeden Fall aber als Kenner des Gebiets der Kulinarik bezeichnen. Ich habe den fischigen Körper der Austern geschlürft, bin mit Hausmannskost und Molekularküche gleichermaßen vertraut, und kenne mich aus mit den Texturen der unterschiedlichen Fleischsorten. Umso freudiger erwartete ich, überrascht zu werden, ja ich summte bereits angesichts des Kommenden vor mich hin, als ich die Kafkastraße hinabschritt. Schwungvoll stieß ich die niedrige Gartentür mit der Hüfte auf, denn ich hielt in meinen beiden Händen eine üppige Schüssel mit Nudelsalat, die als Mitbringsel gedacht war. Mittels meines Ellenbogens betätigte ich die Klingel.

Barbara begrüßte mich freundlich, aber nicht herzlich, indem sie zuerst laut meinen Namen ausrief, mir die Schüssel abnahm, sie einem Kellner in die Hände gab, und mich anschließend kurz umarmte. Gemeinsam schritten wir durch die Villa, deren Einrichtung durchaus Kunstverstand erkennen ließ, und betraten schließlich den Saal des Hauses, in dem sich dem Anlass entsprechend gekleidete Menschen im gesellschaftlichen Ritus der kurzen Gespräche und des gemeinschaftlichen Trinkens alkoholischer Getränke übten. In der Mitte des Raumes war das Buffet arrangiert. Ich trat erwartungsvoll heran, und in demselben Maße, in dem sich die Speisen vor mir ausbreiteten, erschloss sich mir die Tragweite meines folgenschweren Irrtums das Idiom „kulinarische Überraschung“ betreffend. Ich begriff, dass Leute wie Barbara (oder Walter) keinesfalls eine tatsächliche Überraschung meinten, wenn sie dieses Wort im Zusammenhang mit Kulinarischem verwendeten. Eine Überraschung wäre beispielsweise ein erlesenes Stück Filet von einer beinahe ausgestorbenen Tierart gewesen. Auch Butterbrote hätten mich anlässlich des doch sehr festlichen Anlasses überrascht.
Doch Barbara hatte nichts verstanden. Was ich hier vor mir sah, waren die standardisierten Häppchen einer durchschnittlichen, gehobenen Gesellschaftsrunde. Die großspurige Ankündigung war nichts als eine platte Phrase gewesen, von der wohl jeder (außer mir) schon gewusst hatte, dass sie leer war, so leer wie die Flaschen erstklassigen Champagners, die die Kellner von den Tischen entfernten, um sie zurück in die Küche zu tragen. Und genau dieser Sachverhalt spiegelte sich in den servierten Speisen wieder, ja er blitzte regelrecht auf zwischen den Wachtelspiegeleiern und den kleinen Toasts mit dem gehäuften Kaviar.
Das Blut stieg mir zu Kopf. Ich packte meine Schüssel mit Nudelsalat, denn ich wollte sie unter keinen Umständen diesen Leuten überlassen. Meine Hände schwitzten jedoch so sehr, dass mir das Gefäß entglitt, und auf dem Boden zerschellte. Ich hatte kurz das Gefühl, die entstandene Blase der Aufmerksamkeit mit einer melodramatischen Rede füllen zu müssen, einer Ansprache, an deren Ende sich alle erhoben und applaudierten, weil sie verstanden und verinnerlicht hatten, worum es mir ging.
Aber ich bin einfach gegangen. Blind vor Wut stapfte ich die Kafkastraße hinunter und verschwand in der Nacht, die mir helfen würde zu verstehen, nicht jedoch zu verzeihen.