Archiv für März 2013

Offenburger Impression

Mir gegenüber döste eine kleine dicke Frau. Die Betrachtung der dösenden Frau war für mich ein ausgesprochen intensives Erlebnis. Mit zunehmender Entspannung ihrer Gesichtsmuskulatur sah es mehr und mehr danach aus, als würde sie zerfließen und sich als Lache auf dem Boden sammeln. Mir kam der Gedanke, ein kleines Gefäß unter ihren Sitz zu stellen, in das sie gegebenenfalls gleiten könnte.
In Offenburg wachte die Frau grunzend auf. Weil sie so dick war, konnte sie sich nur sehr langsam bewegen. Sie erhob sich, und für einen kurzen Moment sah es so aus, als würde sie sogleich wieder vornüber fallen, um mit einem ohrenbetäubenden Donnern auf dem Boden aufzuschlagen. Doch sie hielt ihr Gleichgewicht. Ich sah auf, doch sie war zu sehr darauf fokussiert, aufrecht stehen zu bleiben, um meinen Blick zu erwidern. Nach kurzer Zeit hatte sie wohl ihren Mittelpunkt gefunden und schritt mit erstaunlich energischem Schritt den Gang hinab.

Lange geschah nichts.

Dann kehrte sie zurück, in ihrer fleischigen Hand hielt sie einen Becher Buttermilch. Schnaufend riß sie den Aludeckel von dem Behältnis und leerte es in einem Zug. Sie atmete tief und zufrieden ein und stellte den Becher dann unter ihren Sitz. Ich schmunzelte unwillkürlich. Bei Villingen schlief die Frau wieder ein, und begann abermals zu zerfließen.

Die Bedeutung der Brillen

Alle hatten die ganze Zeit Spaß. Thomas saß breitbeinig grinsend herum. Alle waren aufmerksam, hellwach, hörten sich gegenseitig gut zu und machten Witze über den Sprachfehler des Moderators. Die Preisträger joggten mehrheitlich gut gelaunt auf die Bühne und schwenkten die Trophäen wie abgetrennte Köpfe auf Speeren der grölenden Menge entgegen. Die Laudatoren fanden die richtigen Worte.
Ich bin schlecht in Sozialem. Ich bin kein Networker und Smalltalk fällt mir furchtbar schwer.
Das habe ich dann auch einfach jedem gesagt, der sich nach Frau und Kind erkundigte und bald stand ich mit irgend einem albernen alkoholischen Getränk auf der Terasse und sah hinunter auf das selbstgefällige Gerede der jungen Eliten. Wie hübsch sie aussah, die junge Elite. Die Männer trugen zum größten Teil Brillen, die irgendwas bedeuteten. Vielleicht waren sie ein modisches Statement. Sie hatten früher mal irgendwas bedeutet und heute bedeuteten sie etwas anderes. Wegen dieser neueren Bedeutung trugen die Männer die Brillen. Die Frauen waren dramatisch geschminkt.

Mir kam der Gedanke, in eine der kleinen Vasen zu kotzen, die an den Ecken der Gänge aufgestellt worden waren. Aber wen hätte das noch schockiert? Die Brillenträger jedenfalls nicht.