Archiv für Januar 2013

Gesprächsaufnahmen

In der Zeitung las ich, zwei Länder hätten Geheimgespräche über die Aufnahme offizieller Verhandlungen geführt. Das gefiel mir ganz ausgezeichnet. Das Reden über die Aufnahme von Gesprächen war eine Vorstellung, die mir als Prinzip vollkommen einleuchtete. In den nächsten Tagen begann ich, diesen diplomatischen Kniff auf mein tägliches Leben zu übertragen. Ich verdoppelte jeden Termin in meinem Kalender, indem ich die zunächst festgelegte Verabredung ausschließlich dazu verwandte, einen geeigneten Treffpunkt für Ort und Zeit der eigentlichen Verabredung zu erörtern. Und oft kam ich schließlich zu dem Schluss, eine Gesprächsaufnahme sei nicht sinnvoll. So sparte ich zwar keine Zeit, im Gegenteil, dafür aber Nerven. Ich sagte dann: „Nach reiflicher Überlegung bin ich zu dem Schluss gekommen dass mir eine Gesprächsaufnahme mit ihnen nicht sinnvoll erscheint, Herr oder Frau X , bzw. mit dir, lieber X“, falls ich die Person duzte. Mein Leben war bald eine schier endlose Abfolge von Schnupperkursen geworden. Ich schnupperte in Vorlesungen, Arzttermine und gerichtliche Vorladungen hinein und entfernte mich wieder falls ich Übles roch. Ich flüchtete also nicht vor Verpflichtungen, wie es mir meine Freunde vorwarfen, sondern ich setzte Prioritäten, um mich dem Ausgewählten mit besonderem Pflichtbewusstsein zu widmen, widmen zu können.

Alles mitzumachen und überall teilnehmen zu müssen ist der exakte Gegenentwurf zu meiner Vorstellung vom Leben. Ich habe nie das Gefühl etwas zu verpassen. Das Gefühl etwas zu verpassen ist mir gänzlich fremd. Deshalb trifft mich Dein Vorwurf nicht. Nein, nicht im Geringsten. Er prallt zurück, denn dieses Gespräch ist limitiert durch deinen Termin um halb 6, Deinen Norwegischkurs. Du magst den Norwegischkurs nicht. Du magst den aufdringlichen Kursleiter nicht und du magst nicht den verstaubten Lehrraum. Aber Du kommst da nicht raus. Ich komme immer raus. Also erzähl mir nicht ich wäre neurotisch. Ich weiß was ich tue.

Es gibt ein Prinzip. Es gibt ein Prinzip. Es gibt ein Prinzip.

Kapitän Ungut (3)

Kapitaen Ungut 3

Der kontroverse Mülleimer

Ich betrat das Geschenkartikelgeschäft durch den Nebeneingang. Zuerst fiel mir ein Mülleimer auf, der jedes Mal, wenn man etwas in ihn hineinwarf, mit blecherner Stimme einen Kommentar abgab. Die Lautsprecher waren von minderer Qualität, so dass die Stimme sehr unangenehm in die Ohren stach. In einem Gefäß neben der nervtötenden Maschine befand sich ein Haufen zerknüllten Löschpapiers, versehen mit einem kleinen Schild, welches den Kunden aufforderte, den Mechanismus zu testen. Ich warf eine der gelben Kugeln durch die glänzende Klappe.
„Ezra Pound, der größte Dichter des Jahrhunderts, oder Ferdinand Céline, der größte Prosa-Schriftsteller des Jahrhunderts … beide waren Faschisten. Also was soll’s! Dass sie große Dichter waren, heißt nicht, dass sie zugleich auch die besten sozialen Autoritäten waren!“ sagte der Mülleimer. Ich kannte keinen der beiden Literaten, hielt die These des Mülleimers jedoch für kontrovers.

Ich schritt weiter durch die Regale und sah mir die Dekorationsgegenstände an. Wie bunt sie alle waren, und wie hässlich. Ich hielt einen Verkäufer an, der ohnehin nicht den Eindruck machte auf dem Weg irgendwohin zu sein. „Entschuldigung, ich suche einen Bilderrahmen. Er soll, wenn das möglich wäre, äußerst bunt und unförmig sein, um die Aufmerksamkeit von dem Bild zu lenken, das er einrahmen wird“, sagte ich. „Ist es denn kein schönes Bild?“ fragte der Verkäufer. Ich zuckte mit den Schultern. Dann sah ich zu Boden und schüttelte den Kopf.

Als ich den Laden mit meiner kleinen Tüte verließ, dachte ich über das nach, was der Mülleimer gesagt hatte. Ich kam jedoch zu keinem Schluss, denn ich fühlte mich mal wieder nicht befugt. Als ich über die Kant-Brücke ging, sah ich hinunter in den Fluss und hatte die Sache schon wieder vergessen.
Der Mülleimer war mit seiner These davongekommen.