Archiv für Dezember 2012

Schweine zertrümmern

Ich war im Begriff meinem Sparschwein ein paar Münzen zu entlocken.
Ich hatte in den letzten drei oder vier Jahren nichts mehr hineingesteckt, weil mir stets bessere Verwendungsmöglichkeiten dafür einfielen als es in ein Tonobjekt zu werfen, in dem es schließlich einstaubt. Und nun hatte ich mich entschlossen, dem Schwein auch die Münzen zu entreißen, die noch aus der Zeit stammten, bevor ich eine Vorstellung davon hatte, welch großartigen Dinge man mit Geld tun kann, zum Beispiel ein kühles Bier oder ein Sweatshirt mit buntem Aufdruck kaufen.

Ich stocherte also mit einem langen, spitzen Gegenstand in der schmalen Öffnung herum. Es muss ein jämmerliches Bild abgegeben haben: Auf dem Boden sitzend bohrte ich nach dem Inhalt meines Schweins, immer wieder kurz laut auffluchend, weil mir Münzen aus dem Schlitz entgegen und schnurstracks in mein Gesicht donnerten. Das Schwein einfach zu zertrümmern brachte ich nicht übers Herz. Es wurde vor vielen, vielen Jahren auf einem Behindertenflohmarkt gekauft, um mir als Geschenk überreicht zu werden. Solche Gegenstände – von hohem persönlichem Wert – zertrümmert man nicht einfach. Das kann man vielleicht mit einem hässlichen, knallbunten Werbegeschenk der Allianz-Versicherung machen, auf dem „Ihre Vision-unser Auftrag“ draufsteht. Aber ein schönes, uraltes, blau glasiertes, von einem Jungen mit Down-Syndrom oder einem älteren Mitbürger mit psychischen Problemen im Schweiße seines Angesichts in einer Tagesklinik angefertigtes Objekt zerschlägt man nicht. So einfach ist das.

Stöhnend gab ich auf und betrachtete meine Ausbeute: vier Euro fünfunddreißig in sehr, sehr kleinen Münzen. Kurz dachte ich über das Aufwand-Leistung-Verhältnis der soeben beendeten Aktion nach, beschloss dann aber, mir keinen Kopf über so was zu machen und stopfte das Geld in das Münzfach meines Geldbeutels und diesen wiederum in die Gesäßtasche meiner Hose. Das Gewicht war so groß, dass ich mir überlegte meinen Gürtel enger zu stellen. Es fühlte sich an wie ein an meinem Hosenbein hängendes Baby.
Ich humpelte hinüber in die Küche und trank ein Glas Milch, denn Milch ist gut für die Knochen. Ich betrachtete die Butter, die schon für das Abendbrot auf dem Tisch stand. Sie sah unberührt aus. Ich erschauderte. Diese Butter war unschuldig und in ihrer auf Funktionalität ausgerichteten Form ohne Zweifel schön, und doch würden wir sie schon bald zerstückeln und aufessen. Davor hatte ich Angst.

Kapitän Ungut (2)

Kapitaen Ungut 2

Krank und traurig

Der Marienplatz fühlte sich krank und traurig an.

Menschen gingen, manche schlenderten. Manche machten sogar den Eindruck sie würden flanieren, und es gab nicht den geringsten Zweifel daran, dass es einen bewussten Vorgang darstellte, wie sie sich bewegten. Wie sinnlos das doch war, in seinem Gestus das entspannte Spazieren, den wohlwollenden Blick auf die Welt auszustellen, das verschmitzte Lächeln und den Feierabend.

Man fragt sich augenblicklich, wen sie damit eigentlich fertig machen wollen.

Im Grunde sagte es ganz genau das Gegenteil von dem aus, was es darstellen sollte, aber bei einem flüchtigen Blick konnte man durchaus den Eindruck gewinnen, dass diese Menschen wirklich von ihrer Tätigkeit befriedigt wurden, dass sie es liebten, diesen beschissenen Platz zu überqueren, und als das dissonante, schlichtweg erbärmliche Gebimmel des Glockenspiels einsetzte, verwandelten sich ihre Gesichter in entrückte Fratzen und sie schlossen ihre Augen, richteten ihre bescheuerten Gesichter der Sonne entgegen und genossen das Leben.

Das Alfred-Bodo-Heynborn-Bad

Das Hallenbad lag in einem Teil meiner Stadt, den ich nicht kannte. Nichtmal vom Namen. Ich war also nicht nur niemals dort gewesen, bis vor kurzem war dieser Teil meiner Stadt für mich noch nicht einmal ein Ort. Dabei war Heynborn durchaus schön, weder ein Villenviertel noch eine Plattenbausiedlung, sondern ein Gebiet, das durch nette Cafés auffiel, durch nette Cafés und Altbauten, die nicht zu renoviert und nicht zu heruntergekommen aussahen, sondern genau richtig. Leider war es kalt und windig, und so stapfte ich nur mit schnellem Schritt durch die Straßen und wischte ab und zu ein paar Regentropfen von der Oberfläche meines Smartphones, auf der mein Ziel durch eine rote Markierung dargestellt war.
Das Alfred-Bodo-Heynborn-Bad hatte ich im Internet gefunden, nicht viel war da gestanden, es gab weder Bilder noch Preisangaben, keine Öffnungszeiten und keine Angaben zur Speisekarte des Schwimmbadimbisses. Mein Hang zur Skurrilität hatte mich hergeführt, die Vorstellung einen charmanten Ort zu finden, auf dessen Charme ich dann andere aufmerksam machen konnte.
Das Hallenbad hatte eine eigentümliche Form, es sah nicht aus als würde ein Becken hineinpassen und es sah auch nicht so aus als hätte es jemand als öffentliches Gebäude konzipiert, sondern vielleicht eher in einer Ecke versteckt, weil er sich für seinen eigenen Entwurf schämte. Die Dame an der Kasse schob mir wortlos die Karte herüber und lächelte mir nach, als würde sie denken: „Da geht er hin.“

Ich schritt durch eine hölzerne Schwingtür und stand in einem großen, holzvertäfelten Raum. Es gab keine Schließfächer. Der Raum war voller Menschen, die entweder auf dem Boden sitzend und in sich selbst versunken vor sich hinmurmelten, oder rastlos auf und ab gingen. Ein sehniger, sehr großer Mann mit einem türkisen Poloshirt, kurzen weißen Shorts und Badeschlappen stellte sich neben mich und ergötzte sich amüsiert an meiner erheblichen Verwirrung. „Ich bin der Bademeister. Dies ist ihr erster Besuch im Bodo-Heynborn-Bad, nehme ich an?“ „Ja, ich wollte eigentlich gerne schwimmen.“ Der Bademeister verwies mit einer ausladenden Armbewegung auf die Weite des Raumes. „Aber dann schwimmen Sie doch. Es ist genug Platz.“

Ich wurde etwas wütend. Ich konnte diese ständige Metaphysik nicht mehr ertragen. An jeder Ecke wird man aufgefordert, sich etwas vorzustellen, kreativ zu sein, etwas darzustellen. Mir schien es, als wäre die ganze Welt nur noch ein beschissenes Kastanienmännchen oder ein abgefucktes Wasserfarbenbild.
„Fick dich.“ sagte ich zu dem großgewachsenen Bademeister. „Fick dich und deinen scheiß Kreativitätsimperativ.“ Dann drehte ich mich um und ging durch die Schwingtür aus dem Raum, vorbei an der Empfangsdame, der ich noch einen verächtlichen Blick zuwarf.