Archiv für November 2012

Kapitän Ungut (1)

Kapitaen Ungut 1

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„Stimmengewirr“

Wenn ich eine Zugreise anzutreten habe, pflege ich stets einen Bus früher zu nehmen. Nicht weil ich Angst habe meinen Zug zu verpassen, sondern weil ich den Hauptbahnhof mag. Wenn ich durch die gläserne Schwingtür trete, merke ich sofort, dass ich die Stadt verlasse. Ich tauche aber nicht ein in eine internationale Atmosphäre. Mich fasziniert nicht das Stimmengewirr. Ich sage nicht: All diese verschiedenen Menschen aus allen Teilen der Welt treffen aufeinander, um zerbrechliche, nur Sekunden andauernde Situationen der Menschlichkeit zu schaffen. Ich mag einfach Menschen, die Crack mögen. Ich mag es, wenn sabbernde, hässliche Wesen in mir unbekannten Dialekten Servicemitarbeiter anschreien. Viele Menschen meinen an Orten, die hässlich sind, eine stille Poesie, eine heimliche Schönheit erkennen zu müssen. Aber warum denn nur? Warum denn Schönheit? Ich filme minutenlang eine sterbende Taube. Ich fotografiere die jungen, urbanen Menschen, die auf den Stufen des Bahnhofsvorplatzes herumlungern, und sie hauen mir auf die Fresse. Dann versuche ich mit Heroinjunkies ins Gespräch zu kommen, aber die hauen mir auch auf die Fresse und nehmen mir außerdem noch mein Geld ab. Zwei Euro hab ich aber noch in der Tasche. Ich kaufe mir an einer Snackbude ein mit geschmolzenem Käse bedecktes Croissant, in das ein Würstchen eingebacken ist. Ich esse, während ich zwei Alkoholikern bei einem Streit zusehe. Bald blutet einer. Die Bahnhofspolizei schleift den Agressor weg, der reisst sich aber los und schlägt nochmal drauf. Eine Flasche Schnaps fällt zu Boden und die klare Flüssigkeit mischt sich mit dem Blut. Ich mache ein Foto mit meinem Smartphone und lade das Bild auf Facebook hoch. Da habt ihr eure scheiß Poesie. Eine Minute später steht ein Kommentar drunter: Krass. Aber auch das ist das Leben, wer denkt eigentlich an die Leute, denen es nicht so krass gutgeht wie uns. Mehr von diesen starken Fotos bitte, hat mich krass berührt!

Ich schüttele einen Obdachlosen, bis er mir auf die Hose kotzt. „Sei froh!“ schreie ich ihn an. „Für die meisten Menschen bist du nur eine Metapher! Ich muss immer ich selbst sein!“ Ich schlage die Hände über dem Kopf zusammen und kreische fassungslos auf. „Der Arme“, höre ich einen jungen Mann zu seiner Freundin sagen, „diese Gesellschaft, in der wir leben, die schon längst das Maß für das Menschliche verloren hat, macht ihn krank und jetzt ist er nur noch ein menschliches Wrack. Ein Bild voller stiller Poesie, an diesem Ort, an dem Lebensgeschichten in zerbrechlichen Momenten aufeinandertreffen!“
Ich ziehe dem jungen Mann an seiner modischen, mit Lammfell gefütterten Jacke, so dass ihm die Kotze von meiner Hose auf die Schuhe tropft. „Du hast Unrecht! Der Bahnhof ist kein schöner Ort! Hört endlich auf damit!“ Der junge Mann fühlt sich bedroht und haut mir auf die Fresse.

Zehn Minuten später sitze ich im Zug nach Ulm. Ich habe mir eine Zeitung gekauft, noch liegt sie auf dem Runterklapptisch vor mir, doch gleich, wenn der Zug anfährt, werde ich beginnen sie zu lesen. Ich werde mit der Politik anfangen. Danach die Wissensrubrik. Dann die Wirtschaft und schließlich den Sport.
Den Jugendteil sowie das Feuilleton schmeiße ich in den Müll.

Sie

Sie agierte klischeeheaft, ohne den Eindruck zu erwecken zu wissen was ein Klischee war. Wie sie mit leuchtenden Augen von den Blumen, den Vögeln und der Welt berichtete, und wie sie sich verhielt! Eben nicht naiv, wie Menschen ihres Schlages so oft zu Unrecht genannt werden, sondern als ob die bewusste Entscheidung hinter ihr läge, das Unheil der Welt mit all dem Schönen aufzuwiegen: großäugig, unvoreingenommen und staunend auf die Dinge zu sehen. Es war ihr erstes Semester bei uns und alle, Lehrer wie Schüler, beobachteten mit offenen Mündern ihre Bewegungen. Wir saßen in der Mensa und sahen zu wie sie sich ein kleines Schälchen Milchreis aus der Glasvitrine holte, um es auf ihrem Tablett zu platzieren. Wir steckten unsere Köpfe um die Ecke, wenn sie am schwarzen Brett einen Zettel abriss oder Informationen zur neuesten Ringvorlesung studierte. Während der Stunden war sie in der Interaktion mit ihren Mitstudenten beliebt, weil sie auf andere einging und viel von sich selbst offenbarte. Jeder freute sich, wenn sie um die Ecke bog, und wenn sie hinter der nächsten verschwand, war es, als hätte jemand den Rolladen geschlossen.

Eines Abends musste ich spät noch einmal in mein Büro, um etwas zu holen, das ich vergessen hatte. Ich betrat den Proberaum, den ich durchqueren musste, und sah sie sitzen, auf dem Boden, mit ausgestreckten Beinen, und an die Wand blicken. Sie hatte Schluckauf. Sie saß also da, wippte leicht vor und zurück und guckte und gluckste und hickste vor sich hin.
Urplötzlich drehte sie sich zu mir, und zwar so schnell, als wäre keine Bewegung zwischen den beiden Standbildern gewesen. Unsere Blicke trafen sich. Wie ein elektrischer Schlag erfasste ein Schauer meinen gesamten Körper, meine Augen weiteten sich vor Angst. Ich machte einen Schritt rückwärts, stolperte über meine eigenen Beine und fiel zu Boden. Ich bewegte mich kriechend rückwärts und rappelte mich auf, wandte mich ab und verließ so schnell meine Beine mich trugen das Gebäude.

Am nächsten Tag reichte ich meine Kündigung ein. Ich hatte so sehr gehofft, ihr nicht zu begegnen. Doch als ich aus dem Büro des Institutsleiters auf besagten schmalen Gang hinaustrat, da kam sie mir entgegen. Ich drückte mich an die Wand, um sie nicht zu berühren, doch ihre Umhängetasche streifte meinen Arm.

Ich bin nie wieder dort gewesen, nicht in diesem Flur, nicht in dieser Schule, nicht in dieser Stadt.