Archiv für September 2012

Eines Morgens war ich genug gelaufen

morgens

Panthergleich

Um die Toilette zu erreichen, musste ich As und Bs Zimmer durchqueren. Es gab zwei Alternativen. Entweder konnte ich klopfen, in der Hoffnung, die beiden wären noch nicht eingeschlafen, oder aber ich könnte in aller Stille die Tür öffnen, um mich an den Schlafenden vorbei zum Badezimmer zu schleichen. Während sich nicht zum ersten Mal in meinem Kopf Vorwürfe türmten, ich hätte dem wahnwitzigen Unterfangen einer Wohngemeinschaft mit Durchgangszimmer niemals zustimmen dürfen, hatte ich mich schon instinktiv für Zweiteres entschieden. Geschmeidig bewegte ich mich durch den dunklen Raum und die Stille umfing mich. Auf Höhe des Bettes vernahm ich jedoch Atemgeräusche. Atemgeräusche, die auf Erregung hindeuteten, auf-und abschwellend in einer Art von Regelmäßigkeit, die auf Geschlechtsverkehr schliessen liess. Geschlechtsverkehr nämlich zwischen A und B. In der Art wie es Geheimagenten tun brachte ich meinen Körper ohne ein Geräusch zu machen in eine horizontale Position und bewegte mich robbend in Richtung Tür.
Als ich mich exakt hinter dem mitten im Raum stehenden Bett befand wurden die Atemgeräusche heftiger und ich vernahm ein Geräusch, das nur ein Körper hervorbringt, der sich befriedigt von einem anderen Körper wälzt. Die Aufmerksamkeit der Liebenden war nun, das wusste ich, nicht mehr aufeinander, sondern auf die Stille des Raumes gerichtet.
Schlecht konnte ich nun aufstehen, mich entschuldigen und meiner Wege gehen. Schlecht konnte ich auch fortfahren zu robben, denn in dieser Position bemerkt zu werden würde bedeuten, dem Vorwurf ausgesetzt zu sein als Voyeur, quasi als dritte Person, am Geschlechtsverkehr teilgenommen zu haben.
So lag ich also da, in heller Panik, und schickte mich an unter das Bett zu kriechen.
Nach etwa einer Stunde hatte ich mich wieder beruhigt und war eingeschlafen.

B hatte ich viele Jahre später davon erzählt. A weiß bis heute nicht das Geringste.

Leute rauswerfen

Leute rauswerfen. Tagein tagaus Leute rauswerfen. Der Drogeriemarkt hatte mich angestellt, um Kunden, die den Versuch machten das Geschäft zu betreten, abzuweisen. Falls sie gewaltsam versuchen sollten hineinzudrängen waren meine Instruktionen unmissverständlich: Gewalt war mein Job. Natürlich hielt ich diese Praxis für unwirtschaftlich. Oft wiesen mich Kunden hierauf hin, sie redeten auf mich ein, ich solle doch zum Wohle des Unternehmens handeln und wenigstens eine kleine Flasche Shampoo oder Abflussreiniger herausgeben. Dazu war ich jedoch nicht autorisiert. Mit hängenden Köpfen zogen sie dann ab, manche weinten, andere beteten. Doch unbestechlich war ich nicht. Moralische Integrität war für mich keine Kategorie. Verstohlen stopften mir die Leute die Scheine in die Jackentasche und mit einem zufriedenen Lächeln gab ich schließlich mal eine Zahnbürste, mal ein Stück Seife heraus.

Von kleinen Hunden wusste ich nichts. Klar, manchmal mache ich mir Vorwürfe, ich hätte Verdacht schöpfen sollen. Doch ich schöpfte nicht. Als die Polizei meinen Vorgesetzten mit einem Großaufgebot samt Blaulicht verhaftete, erfuhr ich erstmals von den grausamen Spielen, die Herr Laumeier im schummrigen Licht der an die Verkaufsfläche anschließenden Lagerräume gespielt hatte. Welpenweitwurf. Katzenboule. Es wurde um Geld gewettet. Dass ich für diesen sadistischen Verein den Türsteher gespielt hatte, war ein Schock für mich. Nun lungern die Journalisten vor meiner Wohnung herum und zeigen jedes Mal aufgeregt wie kleine Tiere auf mein Fenster, wenn ich die Gardinen zur Seite schiebe. Natürlich gehen sie davon aus, ich wäre Teil der Machenschaften gewesen. Auch die Justiz ist ähnlicher Ansicht und schickte mir unlängst eine erste Vorladung ins Haus. Von Selbstvorwürfen gequält leide ich nun in meiner abgedunkelten Wohnung vor mich hin.