Archiv für August 2012

Dogtooth

Dogtooth

Dill als Monstranz

Überall wuchs Dill. Zwischen dem Dill wanderten wir und bahnten uns den Weg. Während des Gehens dachte ich an all die guten Sachen, die man mit Dill würzen und verfeinern konnte, und unterstützt durch den Dillgeruch in meiner Nase schwebten Bilder von Gurkenkaltschalen sowie diversen Lachsgerichten vor meinem inneren Auge.
Als wir endlich das Dillinger Berghaus erreichten, merkten wir wie eine gebietstypische Flora die Gedanken der Menschen in Beschlag nehmen kann. Die Speisekarte entsprach zu nahezu 100 Prozent dem, was ich mir auf dem Hinweg ausgemalt hatte. An Dill war nicht gespart worden. Nirgends. Zu den Speisekarten reichte man kleine eingeschweißte Zettel, auf denen Dinge standen wie:
„Nach Mittel- und Nordeuropa kam der Dill wahrscheinlich durch Mönche, die ihn in ihren Klostergärten anpflanzten.“
oder
„Das aus den Samen hergestellte Dillwasser wirkt verdauungsfördernd; die Früchte werden gegen Mundgeruch gekaut.“
Auf den Schürzen der betagten Bedienungen war Dillornamentik arrangiert. Aufwändige Pressungen mit botanischen Anmerkungen hingen hinter Glas an den Wänden. Der Lufterfrischer auf der Toilette hatte den Geruch Dill.
Mich beschlich ein ungutes Gefühl. Ich spürte, dass die Wertschätzung für Dill durch die routinemäßige Verehrung eher fiel als stieg. Ich nahm den Bedienungen ihre Wortwitze mit Dillbezug nicht ab. Mir war Dill schon immer wichtig gewesen. Diese Menschen jedoch trugen diese ausgezeichnete Pflanze wie eine Monstranz vor sich her, an deren Heiligkeit sie schon längst nicht mehr glaubten. Ich verstand, dass die Zentren der Dillverehrung nicht hier, auf dem Dillinger Berg lagen, sondern in den Küchen der Metropolen der Welt, wo junge Köche täglich neue köstliche Dillkreationen erschufen und so seine Aktualität, seine Modernität gewährleisteten. Dieser Ort war tot. Tot wie Kerbel, tot wie Pastinak.
Der Dill würde nicht den Kerbelweg gehen. Diesen Orden konnte sich jedoch nicht das Dillinger Berghaus anheften. Beim zweiten Nachdenken spricht jedoch auch nichts dagegen, es in dem Glauben zu lassen. Des Dills wegen.