Archiv für April 2012

Danke Welle Schwerin

Und dann bin ich da gestanden: Ganz allein, nachts, in der Kälte. Ich stand da, vor dem Schweriner Schloss mit meiner Spraydose und war mir noch unsicher, ob ich für die Tat bereit war. Eine Tat. Ich hatte noch nie etwas getan, das man als Tat bezeichnen könnte und meine Knie schlotterten. Als ich die schwarze Lackfarbdose im Baumarkt gekauft hatte, raunte mir die Kassiererin noch verschwörerisch zu, ich solle ja nichts damit „zuschmieren“, und das Herz rutschte mir in die Hose. Aber es musste sein. Jogelheim war zu weit gegangen. Ja, in der Tat, ich spreche von jenem Franz Jogelheim, dem schillernden Politstar im Mecklenburger Parlament, ein Blender und Selbstdarsteller sondersgleichen. Alle lagen diesem jungen, charmanten Aufsteiger zu Füßen, als er im März mit seinem nur notdürftig als Kleinpartei getarntem Haufen Vollidioten triumphal die fünf Prozent Hürde übersprang.
Und die Reporterin von Welle Schwerin hielt es anschließend tatsächlich noch für nötig, auf das tragisch knappe Scheitern des unabhängigen Kandidaten Ulf Peterwetter hinzuweisen. Mein Scheitern. Anschließend noch ein close-up auf mein enttäuschtes Gesicht, ein vier komma neun-Prozent-Gesicht wie sich die junge Dame nicht zu Schade war hinzuzufügen. Danke Welle Schwerin. Danke Franz Jogelheim.
Und so begann ich zu sprühen. Gegen Jogelheim, gegen ganz Schwerin und Mecklenburg. Bald sprach man in den Schweriner Kneipen von mir und jedes dieser Gespräche nahm ich mit Genugtuung zur Kenntnis. Und der Wahnsinn hielt Einzug. Die Formen wurden abstrakter und die Farben vielfältiger bis die Abstraktion überhand nahm. Mein Scheitern war bald nicht mehr zentrales Element meiner Kunst. Und dass hier etwas Neues entstanden war, etwas, das blieb, darauf war ich stolz. Denn während sich Franz Jogelheim, wie das mit Populisten nun einmal so ist, als ideenloser Langweiler herausstellte und die Gunst der Bürger mehr und mehr einbüßen musste, wurde ich zu jemand anderem.

Es ist also ganz klar, wer am Ende der Gewinner war.