Archiv für März 2012

Das Richtige

Journalistische Arbeit ist nicht mein Metier. Nur ausnahmsweise hatte ich mich bereit erklärt, für eine regionale Zeitschrift ein Interview mit dem Vorsitzenden des Vereins „Mündige Bürger Offenbach“ zu führen. Schon im Bus, der mich zum Treffpunkt brachte, machte sich ein mulmiges Gefühl breit, das immer stärker meine Sinne überflutete, je näher ich dem Cafe Feuergrund kam.
Herbert Griebels saß schon an einem Tisch in einer dunklen Ecke des Lokals. Er war unschwer zu erkennen. Als Kopfbedeckung trug er ein offensichtlich selbstgebasteltes Gebilde aus Pappmaché, das verschiedene Persönlichkeiten des öffentlichen Interesses plastisch darstellte und als „Lügenpack“ brandmarkte. Ich konnte die Justizministerin Helga Drübler-Ganzwalt erkennen, den Vorsitzenden der Frankfurter Volksbank Ingo Schwer, sowie Hugo Grandtwein, dessen gesellschaftliche Position mir jedoch entfallen war. Energisch schritt Herbert Griebels auf mich zu, packte meine Hand und sagte: „Griebels!“ Hierbei begann das Objekt auf seinem Kopf derart zu schwanken, dass er es mit der freien Hand vor dem Hinabfallen bewahren musste. „Schauen sie sich das an“, begann Griebels die Konversation, „diese Schweine haben den Schinkentoast von der Karte gestrichen. Jahrelang geht man Tag für Tag hier Essen, ein treuer Kunde, vielleicht der Treueste, und dann? Streichen sie das Stammgericht einfach runter. Wegrationalisiert, eingespart, gekürzt! Aber man ist es ja gewöhnt. Man ist vieles gewöhnt.“
Ich nickte, schüttelte dann den Kopf, tat mein Bestes, um zustimmend, ja ermutigend zu lächeln und ließ mich auf den Platz gegenüber von Griebels fallen. Als ich mein Aufnahmegerät auf den Tisch stellte, grapschte Griebels mit seinen fleischigen Fingern danach, um es ausgiebig zu begutachten. „Was ham sie gezahlt?“ fragte er. „Hundert bei Expertmarkt.“ Griebels machte ein anerkennendes Gesicht, indem er die Brauen hob und die Lippen zu einem Kussmund formte. Er begann schließlich apathisch aus dem Fenster auf die Dutschkestraße zu starren. Als ich den Aufnahmeknopf betätigte herrschte noch kurz Stille, dann brach es aus ihm heraus:

„Gerechtigkeit. Es geht um Gerechtigkeit, verstehen sie? Es geht darum dass die Menschen verstehen, dass es ihr Geld ist, mit dem hier Schindluder getrieben wird. Ihr, unser, und mein Geld. Wenn ich mir denke, dass da irgendsoein zwielichtiger Verbrecher daherkommt und mir sagt, das Geld ist weg, und es kommt auch nicht zurück, da wird mir schlecht. Aber die Frage ist doch: Was machen die mit dem Geld?“
Griebels versuchte spitzfindig zu schauen, scheiterte jedoch kläglich.
„Sie stecken es in die eigene Tasche. Sie stecken es alles in die eigene Tasche und ich kann auf meinen Schinkentoast lange warten. Wir müssen endlich was unternehmen!“
Griebels sprach sich noch so in Rage, dass das Pappmaché seiner Kopfbedeckung an den Stellen aufweichte, wo es mit seiner verschwitzten Glatze in Berührung kam.

Als ich nach zwei bis drei Stunden in die Abenddämmerung hinaustrat und mir eine Zigarette anzündete, hatte ich das unangenehme Gefühl, dass Griebels keiner von den Guten war. Ja, dass er insgeheim an seiner eigenen Unterdrückung mitwirkte. Ich würde nicht zu der Informationsveranstaltung gehen, für die er mir zum Abschied noch einen Flyer überreicht hatte. Ich würde auch dem Verein „Mündige Bürger Offenbach“ nicht beitreten, wozu ich auf dem Flyer aufgefordert wurde.
Und ich fällte diese Entscheidung bewusst, mit der festen Überzeugung das Richtige zu tun, indem ich mich von den Menschen fernhielt die denken, das Richtige zu tun, sich aber in Wirklichkeit ausschließlich für Fleischwurst interessieren.

Dies war die erste autonome Entscheidung meines Lebens gewesen.

Verschwinden

Mein Text über das Verschwinden war verschwunden. Ich war mir sehr sicher gewesen, ihn auf der klobigen Eichenkommode zuletzt gesehen zu haben, wo ich ihn hingelegt hatte, um Achim und Nina damit zu beeindrucken. Die beiden hatten immer wieder nachgefragt, ob sie nicht noch so einen schönen Text von mir hören könnten, so einen, wie ich ihn auf der Betriebsfeier performt hatte. Mit demonstrativ überzeichnetem Großmut hatte ich die beiden schließlich zu mir eingeladen, damit sie im Rahmen eines geselligen Racletteessens in den Genuß eines weiteren Werkes kämen. Die gesamten letzten Tage hatte ich darauf verwandt den Text fertigzustellen und nun war das Essen beendet, die Raclettemaschine lag wie ein fettiger Haufen Schrott im Abflussbecken und die Augen meiner Gäste schrieen nach Literatur, sie leuchteten wie zwei Laternen in der menschenleerern Hannoveraner Fußgängerzone nachts um halb vier. Ich begann zu schwitzen. Mit zitternden Händen durchwühlte ich Bücherstapel, Wäschehaufen und sogar Aktenordner, während Nina mit ihren unappetitlich langen Fingernägeln auf meinem funktionalen gläsernen Esszimmertisch herumtrommelte und Achim begann sich zu räuspern, um der unerträglichen Stille etwas entgegenzusetzen.
Der Text aber blieb verschwunden.
Ich rezitierte schließlich eine Passage aus Eliot Goldhammers exzellentem neuen Gedichtband, selbstverständlich nicht ohne sie vorher auf ein Blatt Papier übertragen zu haben, nämlich um den Eindruck zu erwecken, die zarten Worte stammten aus meiner Feder.
Und wisst ihr was? Ich konnte trotzdem gut schlafen.