Archiv für Februar 2012

Prometheus

Prometheus betrat die Küche seiner kleinen Wohnung im siebten Stock eines grauen Hochhauses in der Magdeburger Peripherie. Aus dem Gemüsekorb nahm er eine Paprikaschote, die er ohne Eile wusch und entkernte. Er schnitt die präparierte Schote in feine Streifen, um sie anschließend in etwas Olivenöl anzubraten.
Während des Essens konnte Prometheus über ganz Magdeburg sehen. An der Stelle, an der sich die zwei seiner Wohnung gegenüber liegenden Plattenbauten fast berührten und einen kleinen Durchgang freiließen, spielte ein kleines Mädchen mit einem leeren Tetrapack. Bald trat die gewichtige Mutter vor die Tür und rief die Kleine hinein.
Prometheus besaß eine Spülmaschine, in die er seinen Teller stellte. Die Spülmaschine war sehr teuer gewesen, doch hatte sie auch einen beachtlichen Zuwachs an Lebensqualität mit sich gebracht. Gründlich reinigte Prometheus das scharfe Messer, denn scharfe Messer werden stumpf, wenn man sie in der Spülmaschine wäscht: Das weiß jeder.
Jetzt freute er sich auf ein warmes Fußbad mit Lavendel oder Sanddorn, je nachdem ob er Lust auf eine beruhigende oder eine belebende Wirkung haben würde.
Er hatte das noch nicht entschieden.

Der kleine Klapptisch

In einer Dokumentation über Müllentsorgung entdeckte ich meinen kleinen roten Klapptisch wieder. Beinahe wäre mir vor Erstaunen der Löffel in die Kartoffelsuppe gefallen. Da war mein lieber kleiner Klapptisch, von dem ich mich unter Schmerzen vor einem Jahr hatte trennen müssen, als Arno eingezogen war. „Du musst dich entscheiden“, hatte er gesagt, „dieses sperrige potthässliche Ding oder ich.“ Schweren Herzens hatte ich den kleinen Tisch auf die Straße gestellt und mich beim Davongehen noch mehrmals umgedreht.
Und da war er nun und fuhr auf einem endlosen Fließband zwischen diversen anderen Möbeln seiner endgültigen Vernichtung entgegen, seinem Tod. „Der Schrott wird vom Fließband direkt in den Hochofen eingefüllt“, sagte die Stimme im Hintergrund. Eine Träne lief über mein Gesicht, als ich sah wie mein liebstes Möbelstück in der unbarmherzigen Klappe verschwand. Natürlich sah ich nicht live wie der Klapptisch starb. Er musste schon vor Monaten, wenn nicht mehr als einem Jahr, gestorben sein, wer weiß wie viel Zeit so eine Dokumentation in Anspruch nimmt. Ich sah ein Dokument der Vernichtung, einen Schrei des Todes aus der Vergangenheit, das letzte Zeichen eines längst Verstorbenen.
Mich fröstelte. Arno kam rein und fragte was los war, doch ich strafte das Schwein mit Schweigen.

So saßen und schwiegen wir, mit Blick auf unseren brandneuen funktionalen Glastisch, der immer einen Höllenlärm machte, wenn man etwas daraufstellte.
Insgeheim wünschte ich, er würde in tausend Teile zersplittern.

Bernd Gröbel (2)

Wie ein riesiges, bösartiges Insekt hockte der Marburger Hauptbahnhof an den Schienen und sah mir hämisch entgegen. Beim Aussteigen hatte ich schon das Gefühl möglicherweise einen Fehler zu begehen. Atemlos eilte ich durch die Straßen und fand bald Gröbels Wohnung. Die Haustür war offen. Ich stieg die knarzenden Stufen hinauf bis in den dritten Stock und betätigte die Klingel. Mein Herz wollte mir gerne aus dem Körper springen, so aufgeregt war ich, als sich die Tür öffnete.

Bernd Gröbel blickte mir freundlich entgegen. Er machte keinesfalls den Eindruck ein geheimnisvolles Mysterium, ein flüchtiges Phantom zu sein. Ganz fassbar stand Gröbel da und blickte mir entgegen, er schien mein fasziniertes Geglotze mit wohlwollendem Amusement zu quittieren. Ohne zu fragen, wer ich sei, und warum zum Teufel ich ihn mitten am Tag in seinem einsiedlerischen Leben zu stören wagte, bat er mich hinein, und bald saßen wir bei Ingwertee und Salzstangen in einem geschmackvoll eingerichteten Wohnzimmer.
Lauernd blickte Gröbel mich über den Rand seiner Teetasse hinweg an, als ob er den Schwall von Fragen erwartete, der von einem so aufdringlichen Gast wohl zu erwarten war.

Und dann geschah etwas Bemerenswertes: Auf einmal verstand ich, warum Gröbel tat was er tat. Es stand kein Geheimnis, keine Verschwörung dahinter.
Es war Marburg. Aus dem Fenster glotzend verstand ich nun erstmals die unwirkliche Schönheit dieses Ortes. Aus der Wirklichkeit gefallen stand ich, ohne Gröbel noch ein einziges Mal anzusehen, auf und wankte durch die Diele aus der Tür, wo mir jemand entgegenkam, der denselben entschlossen-suchenden Blick zur Schau trug wie ich bei meinem Erscheinen. Bald würde auch er erleuchtet sein. Wie besoffen torkelte ich durch die Fußgängerzone und murmelte leise vor mich hin: „Marburg, Marburg, Marburg.“
Auf meinem Weg traf ich hunderte Menschen, die wie ich mit entrücktem Blick um sich sahen, denn Marburg ist besser als LSD. Und am Abend, als ich vollkommen entkräftet und erschöpft auf eine Parkbank niedersank und mich der Schlaf schon nach Sekunden übermannte, da dachte ich noch: „Danke, Gröbel. Danke.“