Archiv für Januar 2012

Bernd Gröbel (1)

Im Internet war ich auf eine Seite namens findberndgröbel.de gestoßen. Mithilfe einer stilisierten Weltkarte konnte man Tag und Nacht herausfinden, wo sich Bernd Gröbel gerade aufhielt. Als ich die Seite zum ersten Mal aufrief, befand sich Bernd Gröbel gerade im zweiten Stock einer Marburger Altbauwohnung. „Ach, Marburg!“ dachte ich, loggte mich lächelnd aus und verbrachte den Rest des Tages damit Dinge zu suchen, die schon lange verschwunden waren.
In der nächsten Woche besuchte ich regelmäßig findberndgröbel.de, doch zu keinem Zeitpunkt hielt er sich außerhalb seines beschaulichen Domizils im historischen Zentrum der alternativen Studentenstadt auf. Ich sah spätnachts und frühmorgens nach, werk- und feiertags, zu den unmöglichsten Zeiten – Marburg, Marburg, Marburg.
Wann kaufte Gröbel ein? Hatte er keine Freunde? Keine Arbeit?
Wer war Gröbel überhaupt? Ein Phantom? Ein Steuerbetrüger? Ein exzentrischer Künstler? Oder nur ein einsamer alter Mann.

Ich entwickelte eine Obsession für Bernd Gröbel. Mit meinem Smartphone überprüfte ich selbst in den kürzesten Pausen meines hektischen Lebens seinen Status. Aber nichts als Marburg, immer nur Marburg.

Und eines Morgens hatte ich dann genug. Ich warf einige Kekse und eine Trinkflasche in meinen Rucksack und setzte mich in den Zug nach Marburg. Ich musste die Wahrheit erfahren. Ich konnte so nicht weitermachen.

Gronald Siebenschritt ist ein Arschloch

Karl May hat unzählige Abenteuerromane über den wilden Westen geschrieben ohne je auch nur einen Fuß auf den amerikanischen Kontinent gesetzt zu haben. Mit verlässlichen Nachschlagewerken sowie kartographischen Informationen schuf er bedeutendes Kulturgut wie zum Beispiel Winnetou eins bis drei, das tausendfach adaptiert wurde, namentlich als Film, Theaterstück oder auch als Hörspiel.

Und mich lacht man aus, weil ich einen in Fürstenfeldbruck spielenden Heimatroman verfasst habe ohne jemals dort gewesen zu sein? Ich sprach mit diversen Einwohnern und habe eine von der Stadtverwaltung herausgegebene DVD über die Historie der Stadt nicht nur angesehen, sondern mir auch umfangreiche Notizen dazu gemacht. Über den Wikipedia-Eintrag hinaus widmete ich mich Herbert Flüglers hervorragendem Standardwerk zum Thema und führte sogar ein ausführliches Telefoninterview mit dem Verfasser. Ich weiß wahrscheinlich mehr über diese Stadt als die meisten dort Aufgewachsenen.

Und mein Werk soll nicht authentisch sein? Gar dilletantisch, schlecht recherchiert sowie stümperhaft? Gronald Siebenschritt, dieser feuilletonistische Vollidiot schrieb gar im Horkheimer Anzeiger: „Wenn es einem abends langweilig wird, das Feuer im Kamin knistert und man bekommt Lust auf ein gutes Buch, ist Justus Kreimeyers „Werk“ sicherlich das letzte, nach dem man greifen sollte.“

Werk kursiv UND in Anführungszeichen! Ist das in der deutschen Sprache überhaupt möglich? Es ist nicht davon auszugehen. Vielleicht sollte sich Siebenschritt zuallererst Gedanken über seine eigene journalistische Begabung machen, bevor er tausenden Menschen den Genuß meines hervorragenden Buches verstellt.

Die Zeit wird mir Recht geben.

Streusel!

Der Himmel machte ein Geräusch und die Luft sirrte. Ich rannte und rannte. Bald fiel der Regen und meine Bekleidung sog das Wasser bereitwillig auf. Ich wurde immer schwerer. Die Luft brannte in meinen Lungen. Ich mochte mir gar nicht vorstellen was passieren würde, wenn ich das Cafe Konradi nicht mehr vor Ladenschluss erreichen würde. Kein Kuchen. Keine Teilchen. Keine Kekse. Kein Strudel. Keine Johannisbeertaler, kein Croissant. Nicht mal ein Brötchen.

Als ich den unscheinbaren Laden endlich erreicht hatte, zerrte ich vollkommen außer Atem an der Tür. Doch sie blieb unerbittlich. Im Inneren sah ich eine Frau aufräumen und hämmerte verzweifelt mit den Fäusten gegen die Glasscheibe. Doch die Angestellte machte nur eine Wischbewegung vor ihrem Gesicht, um mir zu zeigen, dass sie meine Bemühungen nicht nur nicht ernstnahm, sondern zudem missbiligte. „Streusel!“ brüllte ich, und „Backwaren!“. Die Frau öffnete schließlich die Tür, um mir zu sagen, dass ich mich verpissen solle. „Verpiss dich“, sagte sie.

Hier an Bord der Norway Star schien diese zentrale Niederlage meines Lebens unendlich weit weg. Die kreischenden Möwen umkreisten die Fjörde. Mit geschlossenen Augen schüttelte ich sanft den Kopf, als mir die Begebenheit wieder in den Sinn kam, doch Aaron war zum Glück da, um mir auf die Schulter zu klopfen. „Du hast dein Bestes gegeben. Mehr kann niemand verlangen.“

Er fand einfach immer die passenden Worte.