Archiv für Dezember 2011

Herr Warnfried

Als Herr Warnfried gegangen war und seine Schritte im Treppenhaus widerhallten, saß ich noch am Küchentisch und blickte stumpf im Zimmer umher. Er hatte nichts hinterlassen als seine leere Kaffeetasse und eine Serviette, auf das er ein kleines Gedicht geschrieben hatte.

Vom Schlosshof her hallte das Geheule der blühenden Schleimbatzen hervor
Ich bewarf sie mit meinen Studien und Bekenntnissen
Die von den Basaren der Weisheit entwendet
ganz DADA
doch ganz DADA waren
und siehe die Batzen gluckerten schmatzend und gebaren
stinkende Kreaturen die
beseelt vom Geist der falschen Wahrheit
und der wahren Lüge
nichts als wilde Tiere waren
und die Tiere verschlangen das saftige Fleisch denn ihr Hunger
war in Gefangenschaft ins Unermessliche gewachsen
und sie sahen, dass die Böden fruchtbar und der Himmel blau war
und so siedelten sie und wurden zu häßlichen Bäumen
die tote Köpfe als Früchte
und den Blitz sowie den Donner als Wurzeln trugen
Und alle Welt wurde geteilt Und alle sangen die Lieder
der toten Matrosen
bis zum Abend
und schließlich gingen alle zu Bette und ruhten sanft und angenehm

Ich saß noch lange bewegungslos da und dachte über Herrn Warnfried und sein Gedicht nach. Und als die Sonne unterging, schaltete ich das Licht in der Küche nicht an.

Reiterhorden

Mein neuer Arbeitsplatz befand sich in einem gläsernen Turm, gelegen in der industriellen Peripherie unserer Stadt. Längere Zeit war ich auf Arbeitslosenhilfe angewiesen gewesen, entsprechend motiviert machte ich mich in den ersten Tagen an die Arbeit.
Meine Aufgabe bestand darin die mongolischen Reiterhorden aufzuhalten, die Tag für Tag durch den östlichen Eingang kommend den Versuch unternahmen in unserem Unternehmen zu plündern und brandzuschatzen. Gegen elf begannen in der Regel die Kaffeetassen, die Stiftebecher sowie die Ordner in den Regalen unter dem Dröhnen der Hufe zu zittern und von den Tischen zu purzeln. Dann vernahm man aus der Ferne das Kriegsgebrüll der Nomaden. Spätestens jetzt musste man am östlichen Eingang stehen, damit nicht der ein oder andere Barbar unbemerkt hindurchschlüpfen konnte. Laut Arbeitsvertrag musste vor dem Einsatz körperlicher Gewalt zunächst ein „Friedensangebot“ ausgesprochen werden. In der Praxis handelte es sich um eine reine Formsache. Die Erfahrung hatte gezeigt, dass die Mongolen grundsätzlich nicht zu Verhandlungen bereit waren und so hielt ich, wenn sie in Sichtweite kamen, lediglich ein Schild in die Höhe, auf dem ein Friedensvertrag gedruckt war, was rein rechtlich als Verhandlungsangebot zu werten ist. Anschließend betätigte ich den Fallgrubenhebel und die Kerle stürzten unter furchtbarem Gezeter in die Schlangengrube.
Das anschließende Säubern der gläsernen Halle fiel ebenfalls in meinen Aufgabenbereich. Hier und da war noch eine Wolfszahnkette aufzulesen, anschließend mussten die abgefeuerten Pfeile entfernt und die Eintrittslöcher zugemörtelt werden. Zuletzt wischte ich noch zweimal nass durch.
Hin und wieder kam ich mir minderwertig vor. Ich, ein Langzeit-Studiosus, ein Kenner der Welt und der Menschen, bis zum Schopf gefüllt mit diversen Qualitäten – ein Barbarenverscheucher.
Doch gleichzeitig war mir klar: Irgendjemand musste die Barbaren verscheuchen, denn, wie landläufig bekannt ist: Barbaren verscheuchen sich nicht von ganz allein.

Kriterien

Die U-Bahnstation war menschenleer. Meine Schritte hallten in diesem riesigen, grell ausgeleuchteten Raum gespenstisch wider. Ich war sehr betrunken und setzte mich auf eine der stahlharten Metallbänke. Träge blickte ich umher und nahm aus dem Augenwinkel eine Bewegung im Gleisbett wahr. Als ich verblüfft noch einmal genauer hinsah, stand ein alter Mann auf den Gleisen. Ich hätte seine Schritte auf dem steinernen Boden von weither hören können, deshalb musste er direkt aus dem Tunnel spaziert sein. Er war auch nicht wie ein Angestellter der Verkehrsgesellschaften gekleidet sondern vollkommen zivil mit einem Hemd und einer dunklen Cordhose.
„Sie fragen sich vielleicht was ich hier mache“, sagte der Mann.
„Allerdings“, gab ich verblüfft zurück und schlenderte zum Rand des Steigs bis ich genau über der Person stand, die von der bereits erwähnten grellen Beleuchtung geblendet blinzelnd zu mir hinaufsah.
„Sehen sie, es ist ganz einfach. Ich sehe nach, ob alles in Ordnung ist.“ Ich sah mich nochmals in der leeren Wartehalle um. „Ist hier denn alles in Ordnung?“ „Soweit ich das beurteilen kann, ja. Nicht dass ich in dieser Hinsicht eine spezielle Ausbildung genossen hätte, meine Prüfung erfolgt lediglich nach meinen eigenen, rein subjektiven Kriterien. Ich habe mir meine ganz eigenen Kriterien geschaffen.“ Er zog aus seiner Hemdtasche ein Zigarillo und entzündete es mit einem Streichholz. Er paffte ein paarmal und schien sich an meiner Ratlosigkeit zu ergötzen. Dann horchte er urplötzlich auf und sein Blick wurde starr, als würde er mit den Augen etwas nur für ihn selbst Sichtbares verfolgen. Der Luftstoß, der eine einfahrende Bahn ankündigt blies durch den Schacht. Eine Zeitung tanzte an uns vorbei als hätte sie einen wichtigen Termin. Ich streckte dem Mann meine Hand entgegen, um ihn aus dem Gleisbett zu ziehen, doch er winkte nur ab und schlenderte sogar noch in Richtung der gespenstisch düsteren schwarzen Röhre. „Sie verstehen nicht“, rief er noch in das Quietschen und Rattern des nahenden Zuges hinein. „Die Kriterien, sie wissen schon, meine Kriterien. Sie sind weitaus mehr als nur ein abstrakter Lebensplan, eine Anleitung für Interaktion. Es ist mir letztendlich gelungen so Einiges auszuschließen. Von einer U-Bahn überfahren zu werden befindet sich nicht innerhalb der Kriterien.“ Seinen letzten Satz konnte ich nicht mehr verstehen. Der Zug prallte frontal auf den Mann, der wie eine Seifenblase in tausende Tropfen zerplatzte. Mein atemloser Schrei blieb mir im Halse stecken und die Zeitung hetzte fassungslos vorüber.

Noch heute verschlucke ich mich manchmal beim Trinken, wenn ich daran denke.