Archiv für November 2011

Kleiner Mann mit albernem Hut

Der kleine Mann mit dem albernen Hut hatte gerade mein gesamtes Zimmer vollgekotzt und torkelte nun in Richtung Fenster. Ich hätte diesen skurrilen Typen am liebsten mit meinen eigenen Händen erwürgt und seine Leiche achtlos auf den Bordstein geworfen. Doch natürlich wischte ich diesen grässlichen Gedanken schnell wieder weg und klopfte dem Unhold sanft auf die Schulter.
„Ich muss scheißen!“ grölte das kleine Geschöpf in seinem unerträglich penetranten hessischen Dialekt. „Gang runter rechts“, seufzte ich resigniert und machte mich als Stütze, eigentlich aber eher als Träger, etwas nützlich.
Unaussprechliche Geräusche donnerten aus meiner kleinen Toilette, während ich zusammengesunken auf die grünlichen Pfützen auf meinem Zimmerboden starrte.
Am Ende des Tages kann man sehen, was man von seiner Gutmütigkeit hat, dachte ich. Aber hätte ich das hilflose Geschöpf etwa einfach auf der Damentoilette der Tischtennishalle liegenlassen sollen? Damit die Mädels vom TSV Laurach diesen zugesoffenen Zwerg der Polizei übergeben hätten? Nein, sicher nicht. Da hatte ich das reglose Geschöpf doch lieber auf mein Mofa geladen und es zu mir nach Hause transportiert.
Als der kleine Mann sein unheilvolles Werk verrichtet hatte, wurde er müde. Er ließ sich also quer über meinem Bett nieder, so dass es ganz und gar undenkbar wurde noch ein Plätzchen zum Schlafen zu finden. Resignierend pumpte ich die Luftmatratze auf und suchte den Schlafsack aus dem Schrank, den ich eigens für das letzte Tischtennisjugendcamp gekauft hatte.
Als ich mich niederließ begann das Pfeifen der aus der wurmstichigen Matratze langsam austretenden Luft sich mit dem asthmatischen Schnurcheln meines kleinen betrunkenen Gastes zu vermischen. Lange noch lag ich wach und fiel schließlich in einen unruhigen Schlaf voller grässlicher Träume.

Am nächsten Morgen war von dem kleinen Mann nur noch ein in krakeliger Kinderschrift verfasster Zettel übrig, auf dem er sich in rohen Worten dafür entschuldigte, dass er meine gesamte Plattensammlung sowie einige meiner wertvollsten Erstausgaben hatte mitgehenlassen. „Die Menschen!“, dachte ich kopfschüttelnd und holte einen Lappen um die Kotze aufzuwischen.

Cafe Brüller

Alles. Aber nicht das Cafe Brüller. Wenn ihr denkt, mit einem ironischen Lächeln kann man hier schon einen heben gehen, vielleicht ungefähr so wie wenn man einen Laden voller widerwärtig hässlicher Lampen betritt, nur um sich über die Hässlichkeit der Lampen zu echauffieren, dann habt ihr euch getäuscht. Das Cafe Brüller ist nicht lustig. Du kannst Tobias gerne sagen, dass das Cafe Brüller keinesfalls der Brüller ist und ihm bei dieser Gelegenheit gleich mitteilen wohin er sich seine augenzwinkernd vorgetragenen Wortspielereien stecken kann. Manfred, der Wirt des Cafe Brüller, hat es in einem gnädigerweise nicht näher definierten Geschäftsfeld zu bescheidenem Reichtum gebracht. Ohne Gerüchte zu streuen könnte man die Vermutung äußern, dass es sich hierbei keinesfalls um den Verkauf widerwärtig häßlicher Lampen gehandelt haben kann. Ich war schon so oft ironisch im Cafe Brüller, dass die Ironie irgendwann verschwunden ist und das war der schlimmste Tag meines Lebens. Sie muss auf einem der klebrigen Tische hängengeblieben sein, als ich den Laden eines Morgens schwankend verließ.
Und deshalb gehe ich nicht mehr ins Cafe Brüller. Nicht ohne meine Ironierüstung. Geht nur dort hin. Trinkt euer Kirschbier. Lasst euch von Manfred Anekdoten aus Zeiten erzählen, als die Röcke noch kurz und die Nächte lang waren. Werft eure Pfeile auf die abgenutzte Dartscheibe. Trefft eure Wahl an der Jukebox voller Schlager. Und tragt ruhig bei zum klebrigen Film, der dieses Lokal in nicht allzulanger Zeit schon vollends überzogen haben wird.

Sagt hinterher bloß nicht, ich hätte euch nicht gewarnt.

KulturPLATZ

Die Exponate der Ausstellung lagen wie schwerfällige Tiere im Raum. Kennerhaft schritten Kunstliebhaber vorüber. Sie wussten wie man in einem derart mit Kultur vollgestopften Raum zu schreiten hat und sie kannten den Blick, den man auf Kunst richtet. Ronny und seine Tante fielen sofort auf, als sie durch die schwerfällige Glastür ins Innere der Galerie KulturPLATZ traten. Beide waren angetrunken und unpassend gekleidet. Sie unterhielten sich in etwas zu lautem Ton und machten sofort obszöne Witze über die im Eingangsbereich platzierte Skulptur der Lüneburger Künstlerin Elsa-Luise Kleinwald, die durch ihre phallische Form ihre Aufmerksamkeit erregt hatte.
Ich umklammerte meine Johannisbeersaftschorle und in meinem Kopf fing es zu Dröhnen an. Natürlich hatte ich die beiden eingeladen, aber war es nicht ganz offensichtlich gewesen, dass ich das rein rhetorisch gemeint hatte, zumal Ronny noch ganz zu Anfang unserer zufälligen Begegnung eine abfällige Bemerkung über den neu entstandenen Kunstbau in unserer Stadt gemacht hatte? („Mir fehlen da die rechten Winkel.“) War es nicht klar geworden, dass mein „Kommt doch vorbei!“ nichts als ein „Bleibt bloß zuhause bei eurer Mettwurst!“ gewesen war? Offensichtlich war es nicht.
Blödelnd und lärmend walzten die beiden durch den Raum. Lautstark erörterten sie, dass sie mit einem Bettlaken sowie einigen Eimern Farbe Ähnliches selbst schaffen könnten. Kritische Blicke aus eckigen Brillen trafen sie wie Pfeile, doch sie trugen den Panzer der Ignoranz. Ich stürmte auf die Toilette, betrat eine der Kabinen, legte mich nieder und schmiegte mich in fetaler Position gegen die angenehm kühlen Kacheln. Die Scham trat in Form körperlicher Schmerzen auf den Plan und ich wand mich in Krämpfen. Ich wurde immer weniger.
Als die aus unzähligen, ineinander verflochtenen gläsernen Röhren gefertigte Skulptur Manfred Grünheims, durch einen groben Stoß zu Fall gebracht, auf dem Boden in tausend Teile zersplitterte, war ich glücklicherweise schon nicht mehr da.

Der Kunstbetrieb war mein Leben gewesen, und nun war er der Anlass meines Verschwindens geworden.