Archiv für September 2011

Limonade

Auf dem Tisch befand sich nichts als einige kleine Flaschen Limonade. Links stand Zitrone, daneben Orange, dann kam Pfirsich und zuletzt Kola. Lina deutete auf den Tisch und sagte: „Du kannst gerne eine davon haben, wenn es dich nicht stört, dass sie ungekühlt sind.“ Das Angebot schwebte im Raum und waberte zwischen uns und der Limonade hin und her. Ich musste eine der Flaschen auswählen. Die Limonade konnte mir die Entscheidung nicht abnehmen. Das wurde mir augenblicklich klar. Das Tragische war, dass es mir im Grunde egal war, welches der klebrigen Getränke ich wählte. Wie es aber nunmal ist, wurde das Angebot irgendwann ungeduldig. Es schienen Wolken aus dem Dunst zu entstehen und jede unentschiedene Sekunde hing wie Blei in der Luft.
Zwischen meinem Entschluss und seiner Umsetzung schien absolut kein Zeitraum zu liegen. Ich hechtete durch den Raum zum Tisch, packte alle vier Flaschen und sprintete über den Balkon davon. Durch eine athletische Leistung, die mich selbst überraschte, sprang ich gewissermaßen freihändig über das Geländer und landete unsanft im Vorgarten, ausgerechnet auf den asphaltierten Platten und nicht auf der weichen Wiese. Hierbei rutschte mir eine der Flaschen, Orange, aus der Hand und zerschellte auf dem harten Untergrund in tausend Splitter. Verdammte Scheiße. Sofort begab ich mich wieder in stehende Position, überquerte innerhalb von Sekunden den Rasen und rannte die Marxstraße hinunter. Lina hatte natürlich längst die Verfolgung aufgenommen und einige unsanfte Schimpfworte erreichten noch im schnellen Gegenwind meine Ohren.

Meine Entscheidung mag die Falsche gewesen sein, aber darum geht es hier nicht. Jetzt, wo ich sie getroffen hatte, wäre jeder Schritt zurück mit unsäglichen Unannehmlichkeiten verbunden gewesen. Ich würde nicht wählen müssen. Soblad ich Lina abgehängt hatte, würde ich mich in eine Hecke setzten und, vollkommen außer Atem, verschwitzt und schnaufend die Limonaden austrinken und zwar bis auf den letzten Tropfen.

Brno. Die zweitgrößte Stadt Tschechiens

Im Bus Nach Brno saßen vier dicke Männer. Die Reise war lang und die Toilette nur ein waghalsig schräger Verschlag, ein Kabuff mit einer Tür schmal wie ein Spind. Aufgrund ihres enormen Körperumfanges konnten die dicken Männer die Toilette nicht erreichen. Präziser gesagt konnten sie den Raum, der als Toilette bezeichnet wird, sehr wohl erreichen indem sie einfach die Treppe hinunterstiegen, die Schüssel schien jedoch meilenweit entfernt: Die Männer passten nicht durch die Tür. Keiner von ihnen. So unterhielten sie sich, auf tschechisch, denn sie waren Tschechen. Sie kamen schließlich überein, das Problem einfach in der Luft hängen zu lassen. Sie sahen also schweigend hinaus auf die vom Sozialismus geprägte tschechische Landschaft und die Schönheit der Wiesen und Wälder war den vier dicken Naturliebhabern ein Augenschmaus. Sie sogen das Grün wie Laubsauger auf, sie zogen den Duft des Heus und des Dungs in ihre Nasen. Ihr Blick schweifte, die Blase drückte, der Tag fuhr mit ihnen im Bus und das Problem hing in der Luft ohne sich von ihnen abzuwenden.
Keiner der vier kam auf die Idee sich diskriminiert zu fühlen, niemand drohte dem Fahrkartenentwerter mit dem Anwalt.
Die dicken Männer saßen einfach da und blickten schmunzelnd auf die postsozialistische Graslandschaft, so dass man fast meinen könnte, die postsozialistische Graslandschaft wäre das Einzige, das sie interessierte.

Wir sehen von außen durch das Busfenster in die glänzenden Gesichter unserer vier Helden. Dann entfernen wir uns, indem wir immer höher steigen bis der Bus auf der Schnellstraße nur noch ein Strich unter Punkten ist.
Lasst uns hoffen, dass es den dicken Tschechen gut ergangen ist und niemand sich in die Hose urinieren musste! Wissen können wir nämlich nichts.

Abgetrieben

Wir waren so weit rausgefahren dass niemand außer uns da war. Die Umgebung war unwirklich schön: Nach Aufmerksamkeit heischend flatterten Schmetterlinge umher und die Blumen trugen ihre bunten Hüte zur Schau. Die Bienen sammelten Honig, um das Überleben ihrer Königin und ihres Volkes zu sichern. Wir schnallten den Picknickkorb vom Gepäckträger ab und warfen unsere Fahrräder dann einfach ins knallgrüne Gras. Sabine rannte mit einem animalischen Schrei der Freude und Lebenslust quer über die Wiese, ließ sich schließlich auf den Boden fallen und rollte sich den an die Grasfläche anschließenden sanft abfallenden Hügel hinab. Am Fuß des Hügels war leider ein Fluss, in den sie fiel und dann rasch abtrieb. Am Anfang kreischte sie noch, als mache ihr das unfreiwillige Bad Spaß. Je schneller sie jedoch trieb, je weiter sie sich vom Ufer entfernte desto panischer wurden ihre Schreie. Als ich vollkommen außer Atem am Fluss ankam, war sie nur noch ein zappelnder und zeternder Fleck am Horizont, doch schnell war sie hinter der nächsten Biegung verschwunden und alles war wieder still. Man hörte nur das Rauschen des Gewässers und hin und wieder ein summendes Insekt oder einen schreienden Vogel.
Den Bienen, den Blumen und den Schmetterlingen war Sabine offensichtlich scheißegal.
Gerade war sie noch hier gewesen, jetzt erinnerte nur noch ihr flaschengrünes Hollandrad an ihre Anwesenheit. Die Sonne brannte. Laut Wettervorhersage mussten in etwa 35 Grad herrschen.
Ich wählte 110.

„Hier ist die 110. Bitte sprechen sie.“
„Meine Freundin ist abgetrieben.“
„Meinen sie vielleicht, ihre Freundin hat abgetrieben?“
„Nein nein, sie ist in einem Fluss abgetrieben.“

Ich nannte den Ort, meinen und ihren Namen.

Nun blieb mir nichts anderes übrig als zu warten. Ich wusste jedoch: Die Blumen und die Bienen, die Vögel, die Schmetterlinge das grüne Gras, die Bäume, der Fluss und der Hügel würden mit mir geduldig sein.

Diskriminierung

„Kommt ihr euch eigentlich nicht etwas diskriminiert vor?“ warf Torsten plötzlich in den Raum. Walter saß da und kam sich nicht diskriminiert vor. Auch Lisa kam sich nicht diskriminiert vor.
Ewald wog erst seinen Kopf wie eine Waage hin und her als wolle er die Redensart „etwas abwägen“ gestisch darstellen. „Ein wenig“, sagte er dann, „Aber es wäre mir nicht aufgefallen, wenn du nichts gesagt hättest.“ Torsten starrte uns fassungslos an. Ich war der einzige, der sich noch nicht zu seinem Sachverhalt geäußert hatte. Verschwörerisch fokussierte er mich, als wolle er sagen: „Wir beide, wir fühlen uns aber ein bißchen diskriminiert, oder?“
Ich fühlte mich keinesfalls diskriminiert und auf eine merkwürdige Art und Weise hatte ich ganz im Gegenteil den Eindruck ICH würde mein Umfeld diskriminieren und nicht andersherum. Das konnte ich Torsten in solcher Direktheit selbstverständlich auf keinen Fall mitteilen. Sein aufbrausender Charakter könnte dauerhaften Schaden nehmen. Man soll den Leuten ihre Eindrücke nicht versalzen, das ist geschmacklos. Soll sich Torsten doch diskriminiert fühlen, vielleicht geht es ihm dann ein bißchen besser: Er hat es ja oft schwer.