Archiv für August 2011

Ein Hund auf einer Kutsche

Drei Stunden habe ich nun schon versucht, einen Hund auf einer Kutsche zu zeichnen. Es sagt sich leicht: Ein Hund auf einer Kutsche. Doch schon bei den Dimensionen hatte ich große Probleme. Wie eine windschiefe Skulptur steht meine Kutsche in der Gegend. Die Räder haben einen falschen Maßstab im Verhältnis zum Wagen, hinten ist sie schmäler als vorne und sie biegt sich, als wäre sie aus Gummi. Ich bin weit davon entfernt mir einzubilden, dass genau das den Charme der Zeichnung ausmacht. Es gibt einfach keine Entschuldigung für diese grässliche Schmiererei, so wie ein Glasbläser eine Vase ohne Boden nicht einem Kunden als seine Interpretation einer Vase verkaufen kann. Sie bleibt die unbrauchbare Karikatur einer Vase. Ich will nun einmal einen Hund auf einer Kutsche darstellen, und zwar in solcher Perfektion, dass eine vollkommen unvorbereitete Testperson das Blatt betrachten kann, um anschließend zu sagen: „Klarer Fall, ein Hund auf einer Kutsche.“
Der Hund lümmelt wie eine grinsende, verkrüppelte Ratte auf dem Gefährt. Die Pferde sind kurzbeinige, unförmige Wesen, mit viereckigen Blöcken als Hufe. Entnervt massiere ich mir den Nasenrücken.
Ich falte das Blatt etwa vier bis fünf Mal und zerreiße es säuberlich an den Faltkanten entlang in kleine Stücke. Anschließend schenke ich mir erleichtert eine kalte Apfelsaftschorle ein und werfe noch zwei Eiswürfel in das Glas. Gedankenverloren sitze ich nun auf dem Balkon, in die Leere starrend, und lasse die Würfel klimpern.

Ob der Hund wohl über mich gelacht hat?

Arbeitsblätter

Frau Waschulsky gab die Arbeitsblätter in die erste Bank. Regungslos sah sie zu wie der Stapel unter Geraschel kleiner wurde bis jeder ein Exemplar vor sich liegen hatte. Auf den Blättern fand sich ein Text des Schriftstellers Plärrtholtd. Darunter standen zwei Arbeitsaufträge:

1. Warum bezeichnet Plärrtholdt den jungen Soldaten als „Fratz unter der Stille“?
2. Inwiefern ist der Text charakteristisch für die literarische Epoche der „Ruhigen Wanderer“ und deren übrigen Vertreter?

Ich war gerade erst in diesen Kurs gewechselt. Meine Neben- und Hintersitzer schienen mit Plärrtholdts Werk schon bestens vertraut, kennerhaft nickten sie und gaben stille Laute des Verständnisses von sich, als würden sie jemandem zustimmen.
Ich will ehrlich sein. Ich habe die Ruhigen Wanderer immer gehasst, ihren Stil abgelehnt, ihre Ziele für irrig gehalten. Eifrig begannen die Leute um mich herum, den Text mit Edding in allen Neonfarben vollzuschmieren bis die Blätter aussahen wie eine Diskobeleuchtung. Ich seufzte hörbar und malte eine kleine Blume auf das Arbeitsblatt. Mit ihren Kugelschreiberchen veranstalteten die Kursteilnehmer ein ungeheures Gekratze. Lustlos schrieb ich auf:

1. Plärrtholdt ist ein Idiot.
2. Die Ruhigen Wanderer suhlen sich genau wie Plärrtholdt in Schleim und Langeweile.

Den Rest der Stunde sah ich aus dem Fenster, hinunter zu meinen Freunden, die das sonnige Wetter für eine Partie Federball nutzten.

Schlonze

Sonntags kochte Vater Schlonze. Er nahm den großen Topf und beaufsichtigte stundenlang die zähe Masse, quittierte jede platzende Blase mit einem sorgenvollen Seufzen und rührte mit eiserner Geduld in fast maschinell regelmäßiger Bewegung um. Gegen Mittag war er meist fertig. Mit einem kleinen, haushalstüblichen Spachtel verteilte er nun die Schlonze sorgfältig auf unserem Gartentisch, um sie dort in der Sonne trocknen zu lassen. Wenn Winter war oder schlechtes Wetter herrschte, musste sich Vater mit dem Esstisch im Wohnzimmer und der Infrarotlampe begnügen, die ihm Mutter zum Namenstag geschenkt hatte. Er schritt nun mehrere Stunden rastlos um den Tisch herum, immer wieder strich er mit höchster Sorgfalt über die langsam fester werdende Masse. Gegen Abend war die Zeit gekommen, um die trockene Schlonze vom Tisch zu hämmern. Er benutzte hierfür seine äußerst hochwertigen Bildhauerutensilien, die noch aus Zeiten stammten, in denen er künstlerische Ambitionen gehabt hatte. Die so entstehenden Brocken waren ein köstlicher Snack für zwischendurch und mit Gemüse serviert auch durchaus als Hauptgericht für den kleineren Hunger geeignet. Manchmal hatte man plötzlich einen Splitter des hölzernen Gartentischs im Mund, doch Vater lächelte nur und tat dies als untrügliches Zeichen für die Authenzität des Gerichts ab.
Der hölzerne Gartentisch hat den Geruch der trocknenden Schlonze niemals abgelegt. Noch heute rieche ich ihn manchmal, obwohl Vater seine sonntägliche Gewohnheit schon seit sehr langer Zeit aufgegeben hat.
Der Topf, die Schlonze, der Meißel, die Splitter: All das ist heute nicht mehr da.
Nur noch der Tisch und sein Geruch.

Kaugummiautomat

Bei uns in der Straße gab es einen knallroten Kaugummiautomaten. Er war stets gut gefüllt mit verfärbten, meist schon gräulichen Kugeln. Niemals habe ich dort jemanden beobachtet wie er ein Geldstück in den Schlitz steckte und den Mechanismus betätigte, um sich anschließend eine der zähen Kugeln in den Mund zu stecken. Nie hat jemand auch nur angehalten, eine Münze aus der Hosentasche geholt und sie in der Hand gewogen, so als ob er mit dem Gedanken spiele, sie in den Automaten zu werfen. Tatsächlich schenkte kaum jemand der kleinen Maschine jemals etwas Beachtung. Ich meine das nicht sentimental. Es ist einfach so gewesen. Jahr und Tag hing der Automat dort und mitfühlend dachte ich an den jungen, aufstrebenden Kaugummiunternehmerm, der irgendwann einmal in diese Automaten investiert hatte: „Genial!“ wird er sich gedacht haben, als ein junger Erfinder in seinem holzvertäfelten Arbeitszimmer vor ihm die Pläne für dieses völlig neue Vermarktungskonzept ausgebreitet hatte. Fieberhaft wird er an der Ausarbeitung und der technischen Realisierung getüftelt haben. Heute ist dieser Freigeist wohl bankrott, psychisch krank und obdachlos. Den Zusammenbruch seines Automatenimperiums und die Übernahme durch ein chilenisches Unternehmen hat er nicht verkraftet. Und als ich aus nun doch emporkriechender Sentimentlität versuche, eine der steinharten, pappsüßen grauen Kugeln mit meinen Zähnen zu zerteilen, habe ich noch einen versöhnlichen Gedanken: Verhungern muss der ehemals visionäre Unternhemer sicherlich nie. Ohne Zweifel hat er noch den Generalschlüssel für all seine Automaten: Wenigstens das haben ihm die Chilenen nicht weggenommen.

Elektrofachmarkt

Im Elektrofachmarkt schob ich mich in gebückter Haltung an den Regalen entlang. Ich hatte Angst einem Verkäufer zu begegnen. Vorsichtig blickte ich um die Ecke. Und im selben Moment war es auch schon zu spät. Das Gesicht des Verkäufers bestand zum Großteil aus Lächeln. Überdreht stürzte er auf mich zu, ergriff mich am Arm und zog mich zu einer Wand mit überdimensionierten, elektronischen Geräten. Das hat man davon, dachte ich. Das hat man davon, wenn man einfach nur Batterien kaufen will, für die Uhr in der Küche, damit man wieder weiß wie spät es ist, aber nein. Dann waren die Toaster dran. Einer konne sogar ein Muster auf das Brot toasten. Nach den Toastern versuchte ich unauffällig zu verschwinden. Während der Verkäufer noch auf mich einredete, ging ich einige wohl überlegte Schritte rückwärts, bis zwischen mir und ihm ein Abstand von etwa sieben Metern war. Er redete jedoch einfach lauter, wie um mir zu zeigen, dass ich das Band, das die Kommunikation zwischen uns geschaffen hatte, nicht einfach abschneiden konnte. Die Kommunikation zuckte und blinkte wie ein Stroboskop. Er ging mir zu schnell. Ich lächelte langsam immer freundlicher, bis mein Lächeln so unbeschreiblich freundlich war, dass all die Verständigung, die natürlich nicht wirklich real existierte, wie aus einem angestochenen Fass auf den Boden lief und klebrige Flecken auf dem Mehrzwecklaminat hinterließ. Dort vermischte sie sich mit der ebenfalls nur geheuchelten Freundlichkeit des Verkäufers. Es war eine widerwärtige Sauerei.