Archiv für Juli 2011

Die Sonne

Unsere ungewaschenen Haare hockten wie fettige Töpfe auf unseren Köpfen. Die Schuhe ungebunden schlurften wir mit ungeputzten Zähnen durch die Altstadt. Unser letztes Geld gaben wir für ein überbackenes Käsebrötchen aus, das wir brüderlich teilten. Wir waren aus unserem Alltag gefallen, traurig sahen wir auf die vorbeiziehenden Menschen, denen ihr Alltag fast aus den Ohren zu spritzen schien, so erfüllt waren sie, so zielstrebig und beschäftigt. Trotzdem kamen wir uns nicht nutzlos vor, da wir nicht wussten, wem wir nützen könnten. Die Sonne guckte, als ob sie es schon immer besser gewusst hätte und wir sahen hinauf und gaben kleinlaut zu, dass wir uns geirrt hatten: Wir konnten nicht teilnehmen, indem wir kritisierten. Das wurde uns nun langsam klar. Wir würden einen neuen Ansatz entwickeln müssen, denn teilnehmen wollten wir unbedingt. Und als wir später in der U-Bahn saßen, war die Sonne verschwunden und wir fühlten uns langsam besser.

Klasse, Apfelbrei!

Ich hatte mit meinen Freunden einen kleinen Stand in der Duisburger Fußgängerzone aufgebaut. Wir verschenkten hier frische Apfelsaftschorle, „Fußgängerschorle“, wie wir sie scherzhaft nannten. In großen hölzenern Kisten verstauten wir die Äpfel, die wir mithilfe einer Zitronenpresse (eine behelfsmäßige Lösung) zu Saft verarbeiteten. Wir mischten den Saft dann mit kaltem Sprudel, den wir freundlicherweise in der Kühlkammer eines türkischen Restaurants aufbewahren durften. Den eigentlich überflüssigen Abrieb, der beim Verarbeiten der Äpfel entstanden war, gaben wir den Passanten in denselben kleinen weißen Plastikbechern, die wir auch für die Schorle verwendeten zum Auslöffeln mit auf den Weg. „Klasse, Apfelbrei!“, rief zum Beispiel eine ältere Dame höchst erfreut, als ihr Blick auf unsere bescheidene Gastronomie fiel. Als uns die Plastiklöffel ausgingen, schütteten wir den Abrieb mit in den Saft: Vorwurfsvoll kotzten einige Passanten nur wenige Meter weiter in einen Mülleimer. Als unsere Hände schon schrumpelig vom Saft waren und unsere Arme von der ständigen Drehbewegung müde, kamen zwei Polizisten aus dem Sex-Shop, der sich gegenüber befand. Misstrauisch beäugten sie uns einige Zeit, bis sie dann schließlich herüberkamen. Die: „Darf man fragen, was das hier werden soll?“ Wir: „Wir verschenken Apfelsaft und Apfelabrieb, die Herren. Dürften wir sie auf einen kleines Becherchen einladen?“
So wurde aus Feindschaft Verständigung und wir aßen alle zusammen den ganzen übriggebliebenen Apfelabrieb auf und machten die tollsten Späße, bis das Brechmittel zu wirken begann.

Der Jahrmarkt ist der Jahrmarkt

Einmal im Jahr ist Jahrmarkt. Heute ist Jahrmarkt. Am Eingang des Jahrmarkts stehend kann ich die Zuckerwatte schon riechen, die Speckpfannen und Wurstbuden. Man hört Geschrei um Geschrei, Murmeln und Tratschen, Rufen und Grölen. All das wird zu einem Geräuschbatzen und ich beiße ein großes Stück ab. Ein Schausteller verkauft eiternde Wunden. Alle haben einen schönen Tag. Das muss wohl das Leben sein. Leichtfüßig geh ich los und zu allererst kauf ich mir eine große Tüte knuspriges süßes Popcorn. Das ist so toll. Das ist so toll. Nach der Achterbahnfahrt muss ich fast kotzen. Aber so ist der Jahrmarkt. Genuß und Überdruss zusammen in einer Kanne und ich nehme einen großen Schluck. Im Spiegelkabinett laufe ich mit festem Schritt gegen eine Glasscheibe. Das frische Blut spiegelt sich in all den Spiegeln und glänzt im Fett der Pommes. Ich atme die stickige Luft ein und sie zeigt mir zwinkernd den ausgestreckten Daumen. Das ist so toll. Überschwänglich nehme ich den Mann an der Autoscooterkasse in den Arm. Sein Muskelshirt wird ganz rot, weil das Blut aus meiner Nase die ganze Zeit runtertropft aber er lacht nur und wir fahren stundenlang im Kreis und die Discobeats rasen durch unsere Nervenbahnen. Hier ist alles möglich und wenn ich zu viel Spaß habe und mich wieder fürchten will, geh ich einfach in die Geisterbahn. Und ich hab mich königlich gefürchtet. Als der Abend anbricht und mein Geld verschwunden ist, werfen mich die Schausteller raus. Und als ich mit dem Gesicht auf dem Asphalt aufkomme, weiß ich: Der Jahrmarkt ist der Jahrmarkt ist der Jahrmarkt. Ist der Jahrmarkt. Ist der Jahrmarkt.

Flecken

Die Schmetterlinge knallen einer nach dem anderen gegen die Scheibe, trudeln zu Boden und hinterlassen bräunliche Flecken. „So schön und doch so vergänglich“ denke ich und stelle mit einem zufriedenen Lächeln die Pheromonmaschine ab. Morgen sind die Bienen dran.

Vater kommt vom Krieg nach Hause

Als Vater gestern Abend vom Krieg nach Hause kam, schien sich etwas verändert zu haben. Statt wie sonst beschwingt seinen Mantel über den Haken zu werfen, die Waffe in den Gewehrkorb zu stellen und anschließend den aufgeregt heranstürmenden Hund ausgiebig zu streicheln, ging er mit seinen vor Schlamm starrenden Schuhen in voller Montur wie in Trance durch die Diele und setzte sich wortlos auf unser schwarzes Ledersofa. Unschlüssig öffnete ich die gläserne Schiebetür und versuchte mich in unschuldiger Konversation. „Papa, wie war der Krieg heute?“ Ich durchquerte unsicher den Raum und setzte mich neben ihn. Mutter kam herein und machte einen verdutzten Eindruck.“ Bernhard , bist du verrückt, mit dem tropfenden Mantel auf das neue Sofa!“ Er lächelte kraftlos. Etwas war heute wohl geschehen. Ich weiß nicht viel über Vaters Arbeit, aber wenn man noch ein Kind ist, kommen einem die meisten Tätigkeiten der Erwachsenen abstrakt vor: Man versteht sie nicht, man hat nur einen Begriff, aber keine Bedeutung dazu. Man kennt nur „Büro“ oder „Werkstatt“, „Fabrik“ oder eben „Schlachtfeld“, wie bei meinem Vater, aber diese Orte waren seltsam austauschbar. Sie waren eben nur Orte und keine Schauplätze. Vater jedenfalls schwieg weiter. Schweigend sah er sich meine Sozialkunde-Arbeit an (1-), schweigend zog er sich schließlich doch noch seine Schuhe aus, er schwieg beim Essen und er schwieg sogar während wir die Nachrichten im Radio hörten, die er doch sonst immer so ausgiebig kommentierte, mir jedes Wort, das ich nicht verstand erklärte und auch die größeren Zusammenhänge. Dann duschte er drei Stunden lang, bis es im gesamten Haus kein warmes Wasser mehr gab. Als sich meine Schlafenszeit näherte zog ein Sturm auf, die Kastanie im Garten peitschte wie verrückt um sich, als wolle sie einen riesigen Schwarm lästiger Insekten verscheuchen und durch das hohe Gras zogen Wellen ihre Bahnen. Vater stand dort draußen auf der Terasse und als es anfing zu regnen, machte er keine Anstalten sich unterzustellen oder wenigstens einen Schirm zu holen. Mutter musste mich buchstäblich ins Bett ziehen denn ich wollte ihn schütteln und herausfinden was mit ihm passiert war. Lange noch lag ich wach und dachte meine kleinen Gedanken. Gegen Zwölf fiel ein Schuss.